Alkoholindustrie beeinflusste jahrelang im Stillen die Krebsprävention
Die Getränkeindustrie leitete Millionen an Gesundheitsorganisationen weiter und prägte jahrelang die öffentliche Botschaft über Alkohol und Krebsrisiko. Das enthüllt eine Recherche von STAT News.
Alkohol ist nach Tabak die tödlichste Suchtsubstanz in den Vereinigten Staaten. Dennoch aktualisierte die American Cancer Society (ACS) ihre Empfehlungen erst 2020 und stellte klar, dass Alkoholverzicht am besten zur Krebsvorbeugung geeignet ist. Jahrelang hatte die Organisation die Position vertreten, ein bis zwei Drinks pro Tag seien unbedenklich – obwohl interne wissenschaftliche Signale längst in die entgegengesetzte Richtung wiesen.
Spenden und stiller Druck
Die STAT-News-Recherche ergab, dass die ACS über eine jährliche Gala in New York City Millionen aus der Alkoholindustrie erhielt. Die Reporter und ehemalige Mitarbeiter schildern, wie diese finanzielle Verflechtung indirekten Druck auf die wissenschaftliche Kommunikationspolitik erzeugte. Len Lichtenfeld, damals stellvertretender ärztlicher Direktor der ACS, räumt ein, den Interessenkonflikt zwar gekannt, ihn aber seinerzeit öffentlich nicht vollständig offengelegt zu haben.
Epidemiologen innerhalb der Organisation hatten bereits seit den späten 2010er-Jahren auf eine deutlichere Warnung vor Alkohol gedrängt. Diese wurde erst 2020 übernommen – in dem Jahr, in dem Lichtenfeld die Organisation verließ. Die ACS erklärt, die Änderung sei das Ergebnis einer regulär geplanten Aktualisierung der Ernährungsrichtlinien gewesen.
Ein bekanntes Muster: Industrie und öffentliche Gesundheit
Die Befunde fügen sich in ein breiteres Muster ein, das bereits aus der Tabakindustrie bekannt ist. Unternehmen investieren in Philanthropie, Wissenschaft und Politik, um Regulierungen, die ihre Gewinne schmälern, zu verzögern oder zu verhindern. Im vorliegenden Fall führte das dazu, dass die öffentliche Kommunikation über das erhöhte Krebsrisiko durch Alkoholkonsum – auch bei moderatem Genuss – jahrelang abgemildert wurde.
Aus der Perspektive der Longevity-Forschung ist das bedeutsam: Alkoholkonsum zählt zu den am intensivsten untersuchten Lebensstilfaktoren in Bezug auf biologisches Altern, Krebsrisiko und Gehirngesundheit. Wenn die öffentliche Risikobotschaft durch Industrieinteressen über Jahre hinweg verwässert wird, hat das unmittelbare Folgen für individuelle Entscheidungen und die Gesundheit der Bevölkerung.
Die Debatte darüber, was als „moderater" und „unbedenklicher" Alkoholkonsum gilt, ist daher nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine politische Frage.
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