Arbeit hat für viele Menschen ihre soziale Funktion verloren
Für viele Menschen ist Arbeit mehr als ein Gehaltsscheck. Sie gibt Struktur, sozialen Kontakt und ein Gefühl der Zugehörigkeit. Doch diese soziale Funktion der Arbeit erodiert – mit Folgen für Gesundheit und Altern.
Eine Analyse in der Fachzeitschrift Science beschreibt, wie die „soziale Infrastruktur der Arbeit" schwindet. Gemeint sind damit die informellen Verbindungen, die Arbeitsplätze stiften: Kolleginnen und Kollegen, tägliche Routinen und ein gemeinsamer Sinn. Je mehr Dauerstellen durch flexible Verträge, Homeoffice und Automatisierung verdrängt werden, desto mehr Menschen verlieren genau diese Bindungen.
Die Autorinnen und Autoren stellen einen Zusammenhang zu Gesundheitsstudien her, die zeigen, wie soziale Einbindung Lebensspanne und Gesundheit im Alter beeinflusst. Sozial isolierte Menschen weisen höhere Werte chronisch-schwelender Entzündungsprozesse auf – einem Vorgang, der das Altern beschleunigt. Zudem schneiden sie bei kognitiven Tests schlechter ab und tragen ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Mehr als nur Einsamkeit
Das Problem geht über Einsamkeit hinaus. Arbeit gibt dem Tag eine Struktur – und diese Struktur erweist sich als biologisch bedeutsam. Regelmäßige soziale Interaktion, ein gleichmäßiger Tagesrhythmus und ein Gefühl von Sinn stehen in Zusammenhang mit niedrigeren Cortisolwerten (dem Stresshormon) und einer besseren Immunfunktion. Wenn Arbeit diese Rollen nicht mehr ausfüllt, entfällt ein Teil dieses biologischen Schutzmechanismus.
Der Ruhestand verdeutlicht dies: Für manche Menschen verbessert der Renteneintritt die Gesundheit, für andere markiert er den Beginn eines beschleunigten Abbaus. Der Unterschied hängt maßgeblich davon ab, ob jemand alternative soziale Strukturen aufgebaut hat. Wer nach dem Renteneintritt sozial aktiv bleibt, bewahrt einen Großteil des Schutzeffekts, den zuvor die Arbeit geboten hatte.
Sozialpolitik und Langlebigkeit
Die Analyse plädiert implizit für politische Maßnahmen, die soziale Verbindungen am Arbeitsplatz schützen. Arbeitsmarktflexibilität hat wirtschaftliche Vorteile, doch ihre sozialen Kosten haben bislang kaum Beachtung gefunden. Aus der Perspektive der Longevity-Forschung ist das ein erheblicher blinder Fleck: Die Qualität sozialer Einbindung in der Lebensmitte sagt vorher, wie gesund jemand sein achtes Lebensjahrzehnt erreicht.