Das Immunsystem altert – und das macht jede Grippesaison gefährlicher
Ältere Menschen sterben nicht häufiger an der Grippe, weil sie gebrechlich sind. Sie sterben, weil ihr Immunsystem von Jahr zu Jahr weniger neue Abwehrzellen produzieren kann und gleichzeitig in einem dauerhaften Zustand unterschwelliger Entzündungsbereitschaft verharrt – eine Kombination, die den Körper von innen untergräbt.
Ein neues Übersichtswerk kartiert die Landschaft des Immunalterns mit besonderem Fokus auf Atemwegsinfektionen wie Influenza. Die Forschenden beschreiben ein Paradoxon, das Immungerontologen seit Jahrzehnten beschäftigt: Mit zunehmendem Alter wird das Immunsystem bei der Bekämpfung echter Bedrohungen schwächer, während seine allgemeine Entzündungsaktivität steigt. Das Ergebnis ist ein System, das Krankheitserreger schlechter erkennt und neutralisiert, gleichzeitig aber ständig unterschwellige Entzündungsreaktionen in gesundem Gewebe erzeugt. Dieses Phänomen trägt einen eigenen Namen: Inflammaging – ein Kunstwort aus den englischen Begriffen für Entzündung (inflammation) und Altern (aging).
Die Ursachen wirken gleichzeitig auf mehreren Ebenen. Erstens produziert das Knochenmark mit zunehmendem Alter immer weniger Stammzellen, aus denen neue Immunzellen entstehen. Der Thymus, eine Drüse hinter dem Brustbein, in der T-Zellen – die spezialisierten Kämpfer des Immunsystems – heranreifen, schrumpft nach der Pubertät kontinuierlich und ist im hohen Alter funktionell nahezu inaktiv. Dadurch zirkuliert eine kleinere und weniger vielfältige Armee von Immunzellen im Blutkreislauf. Zweitens arbeiten die verbliebenen Zellen weniger effizient: Die Mitochondrien in den Immunzellen, also die Strukturen, die Energie erzeugen, werden beschädigt und träge. Drittens häufen sich im Immunsystem selbst seneszente Zellen an – Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber weiterhin entzündliche Signalmoleküle in das umliegende Gewebe absondern.
Die Grippe als Stresstest für das gealterte Immunsystem
Influenza zeigt wohl am deutlichsten, welche praktischen Folgen das Immunaltern hat. Mehr als neunzig Prozent der grippebedingten Todesfälle in wohlhabenden Ländern entfallen auf Menschen über 65. Impfstoffe wirken bei älteren Erwachsenen nachweislich schlechter: Die Antikörperproduktion nach einer Grippeimpfung fällt geringer aus, und das immunologische Gedächtnis, das der Impfstoff aufbauen soll, verblasst schneller. Das ist kein Versagen des Impfstoffs, sondern ein Versagen des gealterten Immunsystems, angemessen zu reagieren.
Die Forschenden betonen auch einen weniger beachteten, aber entscheidenden Faktor: Die chronische unterschwellige Entzündung, die das Altern begleitet, scheint die Schwere von Infektionen zu verstärken, wenn diese sich festsetzen. Dies wurde während Covid-19 besonders deutlich sichtbar, als ältere Patientinnen und Patienten weit häufiger einen Zytokinsturm entwickelten – eine explosionsartige Entzündungsreaktion, bei der das Immunsystem in seiner Heftigkeit gesundes Lungengewebe schädigt. Diese Hyperreaktivität entsteht nicht aus dem Nichts; sie baut auf jahrzehntelang angesammeltem entzündlichem Hintergrundrauschen auf.
Was möglich ist – und was noch außer Reichweite bleibt
Das Übersichtswerk beleuchtet eine Reihe von Interventionen, die untersucht werden, um das Immunaltern zu verlangsamen oder teilweise umzukehren. Senolytika – Medikamente, die seneszente Zellen beseitigen – zeigen vielversprechende Ergebnisse in Tierstudien, doch klinische Studien am Menschen befinden sich noch in frühen Phasen. Die Thymusregeneration, also der Versuch, die Funktion der geschrumpften Drüse wiederherzustellen, ist ein weiteres aktives Forschungsfeld. Zudem mehren sich die Belege dafür, dass Kalorienrestriktion und zeitlich begrenztes Essen das Tempo des Immunalterns verlangsamen können – was diesen Artikel in einen interessanten Dialog mit neueren Erkenntnissen der Chronoernährung bringt.
Eine einfache Lösung bietet das Übersichtswerk nicht. Immunaltern ist kein einzelnes Problem mit einer einzelnen Ursache. Es ist ein System, das auf mehreren Fronten gleichzeitig versagt, und seine Umkehrung wird voraussichtlich Interventionen erfordern, die ebenfalls auf mehreren Fronten ansetzen. Ob diese Interventionen rechtzeitig verfügbar sein werden, bevor der demografische Druck einer alternden Bevölkerung die Gesundheitssysteme beim nächsten großen Atemwegsausbruch überfordert, ist eine Frage, die bislang offen bleibt.