Das Immunsystem von Frauen altert umfassender als das von Männern
Gleiche Spezies, gleiche Lebensdrücke – und doch altert das Immunsystem je nach Geschlecht auf überraschend unterschiedliche Weise. Frauen erleben dabei weitaus umfassendere Veränderungen. Eine gute Nachricht ist das nicht unbedingt.
Eine groß angelegte neue Studie, veröffentlicht in Nature Aging, hat die Immunzellen von knapp 1.000 Menschen über die gesamte erwachsene Lebensspanne hinweg mittels Einzelzell-Transkriptomik analysiert – einer Methode, die erfasst, welche Gene in jeder einzelnen Zelle zu einem bestimmten Moment aktiv sind, vergleichbar mit dem gleichzeitigen Belauschen Tausender Gespräche im Inneren des Körpers.
Die Forschenden stellten fest, dass Frauen eine weitreichendere altersbedingte Umstrukturierung des Immunsystems durchlaufen als Männer. Dazu gehören erhöhte Anzeichen von Inflammaging – jener chronischen, unterschwelligen Hintergrundentzündung, die sich mit dem Alter still anhäuft und mit einem breiten Spektrum altersbedingter Erkrankungen in Verbindung gebracht wird, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zur Neurodegeneration. Frauen zeigten außerdem mehr Transkriptionsmuster, die mit Autoimmunerkrankungen assoziiert sind – Krankheiten, bei denen das Immunsystem irrtümlich körpereigenes Gewebe angreift.
Ein umfassender Wandel, aber kein vorteilhafter
Seit Langem ist bekannt, dass Frauen rund 80 Prozent aller Autoimmunerkrankungen ausmachen. Unklar blieb bislang, wie dies mit der Biologie des Alterns selbst zusammenhängt. Die vorliegende Studie legt nahe, dass die bei Frauen ausgeprägtere immunologische Umstrukturierung – der großflächige Wandel in Zusammensetzung und Funktion der Immunzellen über Jahrzehnte hinweg – diese Ungleichverteilung zumindest teilweise erklären könnte.
Das Forschungsteam argumentiert, dass diese Erkenntnisse unmittelbare Konsequenzen für die Medizin haben. Medikamente, Impfstoffe und Longevity-Interventionen werden routinemäßig getestet und dosiert, ohne geschlechtsspezifische Unterschiede in der Immunalterung zu berücksichtigen. Wenn die zugrunde liegende Biologie so erheblich auseinanderläuft, ist das ein bedeutender blinder Fleck.
Das alternde Immunsystem, Zelle für Zelle kartiert
Immunoseneszenz – der schrittweise Rückgang der Immunfunktion im Alter – steht seit Jahren im Fokus der Longevity-Forschung. Der Großteil früherer Arbeiten behandelte sie jedoch als einheitlichen, gleichförmigen Prozess. Diese Studie gehört zu den ersten, die auf der Ebene einzelner Zellen zeigt, dass die Alterungsverläufe zwischen den Geschlechtern erheblich voneinander abweichen. Die Hoffnung ist, dass detaillierte Karten wie diese künftig gezielte Interventionen ermöglichen: die richtige Behandlung, zum richtigen Zeitpunkt, für die richtige Person.