Die Angst Ihrer Großeltern könnte Ihren Geruchssinn verändert haben
Werden Mäuse darauf trainiert, einen bestimmten Geruch zu fürchten, verändert sich die Struktur des Geruchssystems ihrer Nachkommen – obwohl diese den Duft selbst nie wahrgenommen haben. Eine neue Studie belegt dies erstmals auf der Ebene einzelner Zellen.
Transgenerationale epigenetische Vererbung – die Vorstellung, dass gelebte Erfahrungen biologische Spuren hinterlassen, die an künftige Generationen weitergegeben werden – ist in der Biologie seit Jahren umstritten. Die klassische Genetik geht davon aus, dass ausschließlich DNA-Sequenzen vererbt werden. Eine wachsende Zahl von Experimenten deutet jedoch darauf hin, dass die Wirklichkeit komplizierter ist.
In der vorliegenden Studie wurden männliche Mäuse darauf konditioniert, Acetophenon zu fürchten, einen Duftstoff, der entfernt an Kirschblüte erinnert. Anschließend untersuchten die Forschenden das Nasengewebe der direkten Nachkommen dieser Tiere sowie der darauffolgenden Generation – Tiere, die selbst keinerlei Angstkonditionierung durchlaufen hatten. Der Befund war bemerkenswert: Bei den Nachkommen war die Zahl der Sinnesneuronen im Riechepithel, dem Gewebe im hinteren Nasenbereich, das Duftstoffmoleküle aufnimmt, die spezifisch auf Acetophenon abgestimmt sind, deutlich erhöht. Das Sinnesorgan selbst war anders aufgebaut.
Zelluläre Auflösung als entscheidender Schritt
Frühere Studien hatten diesen Zusammenhang bereits durch Verhaltensexperimente angedeutet: Nachkommen konditionierter Mäuse reagierten stärker auf den „gefürchteten" Duftstoff. Die aktuelle Studie geht weiter. Mithilfe volumetrischer Bildgebung, einer Technik, die das gesamte Riechepithel dreidimensional auf zellulärer Ebene kartiert, konnten die Forschenden nachweisen, dass sich die zelluläre Zusammensetzung tatsächlich verändert hatte. Nicht nur das Verhalten, nicht nur die Antwortschwelle – sondern die sensorische Architektur selbst.
Der genaue molekulare Mechanismus ist noch ungeklärt. Eine Möglichkeit besteht darin, dass epigenetische Veränderungen in Keimzellen – Spermien oder Eizellen – die Entwicklung des Riechepithels bei den Nachkommen steuern. Der genaue Übertragungsweg ist jedoch noch nicht identifiziert.
Die unbequeme Frage nach dem Menschen
Die Frage, die sich unweigerlich stellt: Gilt das auch für den Menschen? Epidemiologische Studien haben Hinweise auf Zusammenhänge zwischen elterlichem oder großelterlichem Trauma – Hunger, Krieg, chronischem Stress – und erhöhten Gesundheitsrisiken bei den Nachkommen gefunden. Ein Mechanismus wurde bislang jedoch nie nachgewiesen. Studien wie diese eröffnen einen plausiblen biologischen Erklärungsweg, doch der Abstand zwischen Maus und Mensch ist beträchtlich.
Für die Longevity-Forschung sind die Implikationen indirekt, aber real. Wenn biologisches Alter und Gesundheit teilweise durch die Erfahrungen früherer Generationen geprägt werden, könnten das Lebensumfeld der Eltern, ihr Stressniveau, ihre Ernährung und ihre Umweltbelastungen für die eigene Alterungskurve ebenso relevant sein wie der persönliche Lebensstil. Das stellt das individuumszentrierte Modell des Alterns vor Herausforderungen, die sich nicht leicht bewältigen lassen.