Entzündung und biologisches Alter sind eng verknüpft – doch was treibt was an?
Zwei der meistdiskutierten Prozesse in der Alternsforschung – chronische Niedriggradientzündung und epigenetische Veränderungen der DNA – hängen offenbar eng zusammen. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass sie sich gemeinsam entwickeln, auch wenn die Richtung dieses Zusammenhangs noch ungeklärt ist.
Epigenetisches Altern ist eine Methode zur Messung des biologischen Alters. Das Grundprinzip ist einfach: Im Laufe des Lebens verändern sich chemische „Markierungen" auf der DNA in vorhersehbaren Mustern. Durch die Analyse dieser Muster lässt sich abschätzen, wie alt die Zellen einer Person biologisch gesehen sind – unabhängig von ihrem Geburtsdatum. Die sogenannten epigenetischen Uhren, von denen inzwischen vier etablierte Versionen existieren (Horvath, Hannum, PhenoAge und GrimAge), haben sich in den vergangenen zehn Jahren als Standardmessinstrument in der Alternsforschung durchgesetzt.
Inflammaging – die schwelende, chronische Niedriggradientzündung, die sich mit dem Alter aufbaut – wird seit Langem mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz, Typ-2-Diabetes und einer Reihe weiterer altersbedingter Erkrankungen in Verbindung gebracht. Ob Inflammaging jedoch epigenetisches Altern verursacht, ob umgekehrt epigenetisches Altern Inflammaging antreibt oder ob beide Prozesse durch einen gemeinsamen vorgelagerten Mechanismus befeuert werden, war bislang nicht eindeutig geklärt.
Vier Uhren, ein einheitliches Muster
Eine in Cell Genomics veröffentlichte Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen Markern systemischer Entzündung und den Werten aller vier großen epigenetischen Uhren. Das Ergebnis: Die Assoziation besteht – und sie zeigt sich bei allen vier Uhren gleichermaßen. Personen mit höheren Spiegeln von Entzündungsmarkern wie C-reaktivem Protein (CRP) und Interleukin-6 (IL-6), also Substanzen, die das Immunsystem bei Entzündungsreaktionen produziert, weisen auch ein höheres epigenetisches Alter auf. Mit anderen Worten: Ihre biologische Uhr tickt schneller.
Die Studie untermauert empirisch, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon länger vermuteten: Inflammaging und epigenetisches Altern sind keine parallelen, sondern miteinander verwobene Prozesse. Die mögliche klinische Bedeutung ist beträchtlich. Wenn die Eindämmung chronischer Entzündung – durch Lebensstiländerungen, Medikamente oder andere Maßnahmen – auch das epigenetische Altern verlangsamt, wäre das ein direkter Ansatzpunkt, um mehrere altersbedingte Erkrankungen gleichzeitig hinauszuzögern.
Kausalität bleibt die entscheidende Frage
Doch hier liegt das Problem. Eine Assoziation ist kein Beweis für Ursache und Wirkung. Es ist durchaus möglich, dass beide Prozesse von einem dritten Faktor angetrieben werden – etwa durch geschädigte Mitochondrien oder die Anhäufung seneszenter Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber weiterhin entzündungsfördernde Substanzen ausschütten. Diese Zellen stehen bereits als mögliche Treiber des Alterns im Fokus der Forschung. Ob eine gezielte Unterdrückung von Inflammaging die epigenetische Uhr tatsächlich zurückstellt, muss noch in prospektiven Studien belegt werden. Das ist eine grundlegend andere Frage als die Feststellung einer Korrelation – und eine Antwort darauf dürfte so schnell nicht vorliegen.