Was macht Insulin mit dem Alterungsprozess?
Weniger Insulinsignalgebung verlängert die Lebensdauer in Tierstudien zuverlässig – ob das auch für den Menschen gilt, ist noch nicht bewiesen.
Bei Würmern und Fruchtfliegen ist der Zusammenhang zwischen Insulin und Alterung ausgesprochen robust. Schaltet man beim Fadenwurm C. elegans das Gen für den Insulinrezeptor teilweise aus, verdoppelt sich die Lebensdauer – oder übertrifft das sogar. Das zählt zu den am besten reproduzierbaren Befunden der gesamten Altersforschung. Die beteiligten Proteine ähneln denen des Menschen stark, doch es handelt sich ausdrücklich um Labortierstudien.
Bei Mäusen gibt es vergleichbare Hinweise, wenngleich die Evidenz schwächer ist. Mäuse, bei denen der Insulinrezeptor ausschließlich in Fettzellen ausgeschaltet wurde, lebten länger als normale Artgenossen. Auch Mäuse mit von Natur aus niedrigen Insulinspiegeln und höherer Insulinsensitivität erreichten ein auffällig höheres Alter. Das legt nahe, dass der Insulinspiegel auch bei Säugetieren das Alterungstempo mitbestimmt.
Eine zentrale Rolle spielen dabei FOXO-Proteine – Schutzproteine, die Zellreparatur und Stressresistenz steuern. Insulin hemmt diese Proteine aktiv. Ist die Insulinsignalgebung niedrig, werden FOXOs freigesetzt und können ihre schützende Funktion erfüllen. Chronisch hohe Insulinsignalgebung unterdrückt sie hingegen und bremst damit wichtige zelluläre Schutzprozesse aus.
Alterung wirkt aber auch in die entgegengesetzte Richtung: Die Bauchspeicheldrüse produziert mit zunehmendem Alter weniger Insulin, die Gewebe reagieren weniger empfindlich darauf, und der Körper baut Insulin weniger effizient ab. Diese sinkende Insulinsensitivität erhöht im höheren Alter das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen und möglicherweise auch für Erkrankungen wie Alzheimer.
Eine groß angelegte Studie über fünf Spezies gleichzeitig – darunter der Mensch – zeigte, dass alternde Zellen bei der Proteinherstellung häufiger Fehler machen. Sowohl eine reduzierte Insulinsignalgebung als auch Kalorienrestriktion kehrten den Großteil dieser schädlichen Veränderungen um. Das deutet auf einen grundlegenden Mechanismus hin, doch ein nachgewiesener Lebensdauervorteil durch gezielte Eingriffe in diesen Signalweg ist beim Menschen bislang nicht belegt. Für Menschen, die wegen Diabetes Insulin spritzen, kommt noch ein praktischer Aspekt hinzu: Im hohen Alter können Injektionen durch eingeschränkte Motorik oder kognitive Einbußen zunehmend schwierig werden.
Basierend auf Studien an C. elegans, Fruchtfliegen, Mäusen und Ratten sowie einer großen Fünf-Spezies-Studie, bei der auch menschliches Gewebe einbezogen war. Direkte Evidenz dafür, dass Eingriffe in die Insulinsignalgebung gesunde Menschen länger leben lassen, fehlt. Daten beim Menschen sind bislang assoziativ und verknüpfen Insulinresistenz mit altersbedingten Erkrankungen.