Altert man mit Diabetes biologisch schneller?
Ja, Diabetes beschleunigt das biologische Altern spürbar: Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz und frühen Tod steigt – und den Blutzucker gut im Griff zu behalten ist der direkteste Weg, diesen Prozess zu verlangsamen.
Diabetes und biologisches Altern befeuern sich gegenseitig. Im Gewebe von Menschen mit Diabetes finden sich mehr sogenannte seneszente Zellen – Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber weiterhin schädliche Botenstoffe ausschütten. Genau diese Zellen fördern gleichzeitig die Insulinresistenz, womit sich der Kreis schließt. Das Muster ähnelt dem normalen Alterungsprozess, läuft aber schneller und intensiver ab.
Große Bevölkerungsstudien zeigen, wie eng diese Verbindung ist. In einer Untersuchung mit über 376.000 Teilnehmenden hatten biologisch ältere Menschen ein um 77 % höheres Risiko, Typ-2-Diabetes zu entwickeln, als biologisch jüngere Menschen desselben Kalenderalters. Umgekehrt verloren Menschen mit Diabetes und beschleunigtem biologischem Altern mehr als zwei Lebensjahre, und ihr Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall lag 23 bis 62 % höher. Diabetes treibt die biologische Uhr also voran, und ein biologisch gealtertes Profil macht Diabetes seinerseits schlimmer.
Die Schäden beschränken sich nicht auf Herz und Gefäße. Diabetes erhöht auch das Risiko für kognitiven Abbau und Demenz – über dieselben Mechanismen, die beim normalen Gehirnaltern eine Rolle spielen: Dauerhaft erhöhter Blutzucker bildet schädliche Anlagerungsprodukte an Proteinen und stört die Insulinsignalgebung im Gehirn. Bei diabetischer Augenerkrankung geraten Immunzellen in der Netzhaut in einen seneszenten Zustand und halten so eine anhaltende, schädliche Entzündung am Laufen.
Bemerkenswert ist ein Befund zu Metformin, dem meistverordneten Diabetesmedikament. Menschen mit Diabetes, die Metformin einnahmen, wiesen sogar eine etwas niedrigere Sterblichkeit auf als Menschen ohne Diabetes, die keinerlei Medikamente nahmen. Ob Metformin Alterungsprozesse direkt bremst oder ob schlicht gesündere Patienten häufiger das Mittel verschrieben bekamen, lässt sich aus diesen Beobachtungsdaten nicht ableiten. Laufende klinische Studien sollen diese Frage beantworten.
Bei Schwangeren mit schlecht eingestelltem Diabetes können erhöhte Blutzuckerwerte bereits im Embryo seneszente Zellen auslösen und angeborene Fehlbildungen begünstigen. Dazu gibt es bisher vor allem Daten aus Mausmodellen. Der Befund verdeutlicht jedoch, wie früh die biologischen Auswirkungen von Diabetes einsetzen können.
Basierend auf einer großen prospektiven Studie (n=376.083), einer britischen Kohortenstudie (n=341.159), mehreren Beobachtungsstudien sowie mechanistischer Forschung und Tierversuchen. Kausalität ist plausibel, aber schwer eindeutig nachzuweisen; die wechselseitige Beziehung erschwert das zusätzlich.