Hirnscans zeigen, wie sich Emotionen über die Zeit entfalten
Emotionen sind keine Momentaufnahmen. Sie entwickeln sich über die Zeit, wobei verschiedene Hirnnetzwerke nacheinander aktiv werden. Eine neue Studie kartiert diesen Ablauf mit bisher unerreichter Detailgenauigkeit mithilfe von Bildgebungsverfahren.
Die meisten fMRT-Studien zu Emotionen mitteln die Hirnaktivität über ein gesamtes Zeitfenster und löschen dabei genau die Information, auf die es am meisten ankommt: wie sich die Aktivierung von Sekunde zu Sekunde verschiebt, während ein Gefühl entsteht. Die Studie, veröffentlicht in eLife, nutzte zeitaufgelöstes fMRT (funktionelle Magnetresonanztomographie, ein Verfahren, das Hirnaktivität über den Blutfluss verfolgt), um Teilnehmende zu begleiten, während sie emotional aufgeladene Kurzfilme sahen.
Vier Netzwerke, vier Phasen
Die Forschenden identifizierten vier großräumige Hirnschaltkreise, die nacheinander aktiv werden. Das erste Netzwerk, das unmittelbar beim Ansehen des Films aktiv ist, umfasst Regionen, die an Wahrnehmung und emotionaler Bewertung beteiligt sind. Danach folgen Netzwerke für die Deutung von Bedeutungsinhalten und für Entscheidungsprozesse. Schließlich zeigt sich Aktivität im Default-Mode-Netzwerk, das gewöhnlich mit nach innen gerichteten Gedanken und Reflexion in Verbindung gebracht wird. Der emotionale Gehalt der Filmclips beeinflusste sowohl, welche Netzwerke aktiv waren, als auch den zeitlichen Ablauf dieser Aktivität.
Bedeutung für das kognitive Altern
Aus der Perspektive der Langlebigkeitsforschung ist bekannt, dass sich die zeitlichen Muster der Emotionsverarbeitung bei psychiatrischen Erkrankungen verändern. Gestörte Emotionsregulation ist zudem ein Merkmal kognitiven Abbaus und von Demenz. Zu verstehen, wie gesunde Hirnnetzwerke Emotionen über die Zeit verarbeiten, schafft eine Vergleichsbasis, vor der sich frühe Abweichungen erkennen lassen. Die Autorinnen und Autoren legen nahe, dass räumliche und zeitliche Merkmale der Emotionsverarbeitung nützlich sein könnten, um Veränderungen in klinischen Gruppen zu verfolgen.
Die Studie wurde mit gesunden Erwachsenen unter Laborbedingungen durchgeführt. Ob und wie die Befunde auf klinische Anwendungen oder ältere Bevölkerungsgruppen übertragbar sind, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Selbst weiterrecherchieren?
Zum Beispiel suchen nach:
- time-resolved fMRI emotional processing
- brain circuit emotion regulation
- default mode network cognitive aging