Korrektur von Kalziumsignalen verlängert die Lebensspanne von Mäusen
Zellen nutzen winzige Kalziumpulse als Schalter für Hunderte von Prozessen. Geraten diese Signale im Alter aus dem Gleichgewicht, beschleunigt sich der körperliche Verfall. Forschende zeigen nun, dass die Korrektur dieses Ungleichgewichts mit einem bereits zugelassenen Antidepressivum die Lebensspanne von Mäusen verlängern kann.
Kalziumionen (Ca²⁺) fungieren in Zellen als Ein- und Ausschalter. Ein Anstieg oder Abfall der Kalziumkonzentration im Zytoplasma aktiviert oder hemmt Dutzende von Signalwegen. Dass das Kalziumgleichgewicht bei altersbedingten Erkrankungen – von Herzinsuffizienz bis hin zu Alzheimer – aus dem Lot gerät, ist seit Langem bekannt. Was bislang fehlte, war eine klare molekulare Kette, die dieses Ungleichgewicht mit dem zellulären Alterungsprozess selbst verbindet.
Ein Team chinesischer Forschender, das seine Ergebnisse in Nature Communications veröffentlichte, hat sich auf die Suche nach dieser Kette gemacht. Untersucht wurden sowohl progeroid veränderte Mäuse, die aufgrund einer genetischen Mutation rasch altern, als auch natürlich alternde Tiere. In beiden Gruppen war der Kalziumspiegel im Zytoplasma erhöht. Als Ursache erwies sich ein undichter Kanal namens IP3R im endoplasmatischen Retikulum (ER), dem Zellorganell, das für die Proteinproduktion und -speicherung zuständig ist.
Vom Kalziumleck zur zellulären Alterung
Das überschüssige Kalzium aktivierte ein Protein namens S100A6, das seinerseits an PARP1 band und dieses destabilisierte – ein zentrales Enzym der DNA-Reparatur. Mit eingeschränkt funktionsfähigem PARP1 häuften sich DNA-Schäden an. Kleine DNA-Fragmente entkamen aus dem Zellkern und lösten einen entzündlichen Signalweg namens cGAS-STING aus, der Zellen in einen Zustand chronischer Niedriggradientenentzündung versetzte – ein Kennzeichen des Alterns, das bisweilen als Inflammaging bezeichnet wird.
Anschließend prüfte das Team, ob diese Kette umgekehrt werden kann. Die Forschenden stellten fest, dass Mianserin, ein zugelassenes Antidepressivum, IP3R hemmt. Bei progeroid veränderten Mäusen verbesserten sich Gesundheitsmarker sichtbar. Bei natürlich alternden Mäusen stiegen sowohl die mittlere als auch die maximale Lebensspanne. Diese Ergebnisse sind bislang ausschließlich im Mausmodell belegt; ob derselbe Mechanismus beim Menschen mit vergleichbarer Wirkstärke greift, ist noch unbekannt.
Bedeutung für die Langlebigkeitsforschung
Die Studie ist bemerkenswert, weil sie einen spezifischen molekularen Signalweg vom Kalziumungleichgewicht zur zellulären Seneszenz kartiert. Sie verweist zudem auf ein bereits zugelassenes Medikament und könnte so den Weg zur klinischen Erforschung verkürzen. Die Erkenntnis, dass die DNA-Reparaturkapazität über Kalziumsignale reguliert wird, ist ein genuiner Neuansatz. Dennoch ist die Lücke zwischen Maus- und Humanbiologie erheblich, und das Progeriemodell bildet einen beschleunigten, atypischen Alterungsprozess ab. Ob Mianserin bei gesund alternden Menschen vergleichbare Effekte zeigt, bleibt eine offene Frage.
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