Wer mehr Sprachen spricht, altert langsamer im Gehirn
Mehrsprachige Menschen scheinen biologisch langsamer zu altern. Das legt eine große europäische Studie nahe, die Daten aus 27 Ländern auswertet und in Nature Aging erschienen ist.
Mehrsprachigkeit gilt seit Langem als förderlich für die kognitive Gesundheit im Alter. Doch steckt dahinter wirklich ein biologischer Alterungsprozess – oder lernen schlicht klügere Menschen mehr Sprachen und bauen auch kognitiv langsamer ab? Die Studie kombiniert Querschnitts- und Längsschnittdaten aus 27 europäischen Ländern und versuchte genau diese Frage zu beantworten, indem sie Bildung, Einkommen und andere Störvariablen herausrechnete.
Die Analysen ergaben, dass Mehrsprachigkeit mit niedrigeren Werten auf biologischen Alterungsmarkern verbunden war – unabhängig von bekannten sozialen und wirtschaftlichen Einflussgrößen. Dieser Zusammenhang zeigte sich sowohl in Momentaufnahmen als auch in Verlaufsdaten, die über mehrere Jahre erhoben wurden. Die Autoren weisen darauf hin, dass es sich um eine korrigierte Fassung des Artikels handelt; an den inhaltlichen Befunden hat sich dadurch nichts geändert.
Kognitive Reserve als Schutzmechanismus
Eine weitverbreitete Erklärung ist das Konzept der kognitiven Reserve: Wer das Gehirn intensiv und auf vielfältige Weise trainiert, ist demnach widerstandsfähiger gegen degenerative Veränderungen. Das ständige Wechseln zwischen Sprachen – als Task-Switching bezeichnet – aktiviert Hirnareale, die auch an Aufmerksamkeit und exekutiver Kontrolle beteiligt sind. Diese wiederholte Beanspruchung könnte neuronale Netzwerke langfristig robuster machen.
Was die Studie nicht belegt, ist ein ursächlicher Zusammenhang: Es handelt sich um Assoziationen. Ob auch das Umgekehrte gilt – dass biologisch langsamer alternde Menschen eher dazu neigen, Sprachen zu lernen –, lässt sich nicht vollständig ausschließen. Die Forschenden selbst ziehen entsprechend vorsichtige Schlüsse.
Was bedeutet das für gesundes Altern?
Der Befund reiht sich in ein wachsendes Forschungsfeld ein, das geistige Aktivität im Laufe des Lebens mit einem langsameren kognitiven Abbau in Verbindung bringt. Mehrsprachigkeit ist dabei ein besonderer Fall: Sie erfordert eine kontinuierliche, weitgehend unbewusste Steuerung von zwei oder mehr Sprachsystemen. Ob das Erlernen einer neuen Sprache im späteren Leben denselben Effekt hat, müssen künftige Studien zeigen.
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