Helfen Multivitamine dabei, gesund zu altern?
Tägliche Multivitamine scheinen das Gedächtnis älterer Menschen leicht zu schützen, doch für die meisten anderen Aspekte des gesunden Alterns ist der Effekt klein oder nicht vorhanden. Wer einen nachgewiesenen Vitamin- oder Mineralstoffmangel hat, profitiert klar von einer Supplementierung; als Allheilmittel taugen Multivitamine aber nicht.
Die stärkste Evidenz für Multivitamine beim gesunden Altern stammt aus der Gedächtnisforschung. In einer großen randomisierten Studie mit über 3.500 älteren Erwachsenen nahm eine Gruppe drei Jahre lang täglich ein Multivitamin. Sie schnitten beim Abrufen von Erinnerungen besser ab als die Placebogruppe. Der Vorteil entsprach etwa drei Jahren weniger altersbedingtem Gedächtnisabbau, zeigte sich bereits nach einem Jahr und hielt danach an. Eine Zusammenfassung von drei Teilstudien desselben Forschungsprogramms bestätigte dieses Bild. Effekte auf andere kognitive Funktionen wie Objekterkennung oder Planen wurden nicht gefunden.
Bei der Immunfunktion ist das Bild differenzierter. Ein Mangel an bestimmten Vitaminen oder Mineralstoffen erhöht die Infektionsanfälligkeit und verlangsamt die Erholung. Eine Supplementierung bis auf die empfohlenen Spiegel kann diesen Mangel ausgleichen und die Abwehr verbessern. Ob Multivitamine auch ohne vorhandenen Mangel etwas bewirken, lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten. Die zugrundeliegende Forschung wurde zudem von einem Multivitaminhersteller finanziert, was bei der Einordnung der Befunde zu berücksichtigen ist.
Im Bereich Sturzprävention ist Vitamin D für ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen mit niedrigem Vitamin-D-Spiegel relevant. Sie stürzten im Durchschnitt etwa 37 % seltener. Die Wahrscheinlichkeit, überhaupt mindestens einmal zu stürzen, veränderte sich dadurch allerdings nicht. Für selbstständig lebende ältere Menschen mit normalem Vitamin-D-Spiegel lässt sich aus diesen Daten kein entsprechender Effekt ableiten.
Daneben werden in Tier- und kleineren Humanstudien spezifische Nahrungsergänzungsmittel untersucht, die die Funktion von Muskelzellen verbessern könnten, darunter Omega-3-Fettsäuren und einige weitere Substanzen. Dabei handelt es sich nicht um gewöhnliche Multivitamine. Langzeitsicherheit und Wirksamkeit sind bisher nur aus Tierstudien bekannt, und mehrere Forschende in diesem Bereich haben finanzielle Verbindungen zu Nahrungsergänzungsmittelherstellern.
Die Aussagen basieren auf PMID 37244291 (COSMOS-Web RCT und Metaanalyse), PMID 30336639 (Review Immunfunktion, finanziert von Bayer) und PMID 40832852 (Cochrane-Review Sturzprävention). Interessenkonflikte sind bei den relevanten Studien ausdrücklich benannt. Die kognitiven Studien entstammen einem einzigen großen Forschungsprogramm (COSMOS) derselben Forschungsgruppe.