Altern verläuft in jeder Zelle anders – selbst bei identischen Genen
Zwei Menschen mit identischen Genen und ähnlichem Lebensstil können auf molekularer Ebene völlig unterschiedlich altern. Eine groß angelegte Studie zeigt nun, wie groß diese individuelle Variation tatsächlich ist.
Die meisten Altersstudien liefern eine einzige Momentaufnahme: eine Blutentnahme, eine Messung, ein Zeitpunkt. Doch Altern ist ein dynamischer Prozess, der sich bei jeder Person anders entfaltet. Um das zu erfassen, begleiteten Forschende 335 Frauen bis zu acht Jahre lang und maßen dabei wiederholt die Gen-Aktivität im Blut sowie die Zusammensetzung von Stoffwechselprodukten (Metaboliten).
Was die Studie zeigt
Von mehr als 5.000 Genen, deren Aktivität sich im Laufe der Zeit messbar veränderte, verlief die Veränderungsrichtung bei manchen Teilnehmerinnen entgegengesetzt. Während der durchschnittliche Trend in der Gruppe nach oben wies, sank derselbe Wert bei einzelnen Personen. Das galt auch für jedes vierte Gen, das von Jahreszeit oder Tageszeit beeinflusst wird.
Die Forschenden stellten fest, dass Gene, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neurodegenerativen Veränderungen in Verbindung stehen, unter den zeitlich veränderten Genen besonders stark vertreten waren. Das verleiht der Studie Relevanz für die Longevity-Forschung – wobei die Kohorte ausschließlich aus Frauen bestand, was Verallgemeinerungen Grenzen setzt.
Was bedeutet das für die personalisierte Medizin?
Die Forschenden schlussfolgern, dass molekulares Altern ein höchst individueller Prozess ist. Zwei Menschen mit derselben genetischen Ausstattung können entgegengesetzte molekulare Entwicklungen durchlaufen. Das hat Konsequenzen für die Gestaltung von Altersstudien: Eine einzige Messung erfasst die Dynamik nicht. Was Therapien betrifft, sollte ein Ansatz, der auf einen bestimmten zugrunde liegenden Mechanismus zielt, prinzipiell allen zugutekommen – doch der messbare Effekt wird zwischen Individuen erheblich schwanken.
Das ist kein Grund zur Resignation, sondern ein Argument für wiederholte Messungen und individuell zugeschnittene Forschungsansätze. Die Studie macht zudem deutlich, dass kontextuelle Faktoren – von saisonalen Rhythmen bis zur Zusammensetzung der Immunzellen – mitbestimmen, wie schnell jemand auf molekularer Ebene altert.
Suchbegriffe zur Vertiefung: longitudinal multiomics aging, transcriptomic variation individuals, metabolomic aging profile blood research