Alternde Gehirne speichern weniger
Ältere Menschen sagen oft, die Zeit scheine schneller zu vergehen als früher. Eine neue Theorie knüpft dieses Phänomen an einen konkreten Mechanismus: den Energiemangel in alternden Zellen. Nicht Nostalgie, sondern Biologie.
Im Jungsein erinnern wir uns an mehr. Nicht weil die Jugend ereignisreicher gewesen wäre, sondern weil das Gehirn damals mehr Energie hatte, um Erinnerungen zu verschlüsseln und abzuspeichern. Sinkt diese Kapazität, werden pro Zeiteinheit weniger Momente gespeichert. Blickt man zurück, wirkt dieser Abschnitt verdichtet – kürzer, als er tatsächlich war. Die Forschenden, die diese Theorie entwickeln, stützen sich auf Studien, denen zufolge Menschen etwa 2 Prozent ihrer Erlebnisse behalten.
Mit sinkender Effizienz des Gehirns fällt dieser Anteil noch weiter ab. Weniger gespeicherte Erinnerungen für einen bestimmten Zeitraum lassen diesen im Rückblick kürzer erscheinen. Der Theorie zufolge ist das kein rein psychologisches Phänomen, sondern hängt mit der nachlassenden Energieproduktion (ATP-Synthese) in alternden Gehirnzellen zusammen.
Energie als Bindeglied zwischen Zelle und Bewusstsein
Gehirnzellen sind außerordentlich energiehungrig. Sie verbrauchen einen unverhältnismäßig großen Anteil des gesamten Energieumsatzes im Körper. Wenn Mitochondrien – die zellulären Kraftwerke – weniger leistungsfähig arbeiten, nimmt die Fähigkeit ab, neue Verbindungen zu knüpfen und Erinnerungen zu festigen.
Die Theorie ist spekulativ, steht aber im Einklang mit gesicherten Erkenntnissen. Alternde Gehirne weisen nachweislich eine weniger effiziente Energieproduktion auf. Studien zur Gedächtnisleistung älterer Erwachsener bestätigen, dass sowohl das Abspeichern als auch das Abrufen von Erinnerungen langsamer wird.
Konsequenzen für die Alternsforschung
Wenn die Zeitwahrnehmung teilweise eine Funktion der Energiekapazität des Gehirns ist, könnte eine Verbesserung dieser Kapazität auch subjektiv spürbare Auswirkungen haben. Interventionen zur Unterstützung der Mitochondrienfunktion werden im Zusammenhang mit kognitivem Altern bereits erforscht. Diese Theorie fügt eine weitere Dimension hinzu: Nicht nur die kognitive Leistungsfähigkeit, sondern auch das erlebte Zeitgefühl könnte davon beeinflusst werden.
Die Idee bedarf weiterer Überprüfung. Doch sie verbindet die Zellbiologie mit einer der universellsten menschlichen Erfahrungen des Älterwerdens.
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