Bluttest misst die Gesamtlast alternder Zellen
Seneszente Zellen setzen schädliche Substanzen frei, die Entzündungen antreiben und Gewebe schädigen. Bislang fehlte eine zuverlässige Methode, um die Gesamtmenge dieser Substanzen im Blut zu erfassen. Ein neues Modell leistet genau das – erstmals.
Wenn Zellen seneszent werden, stellen sie ihre Teilung ein, sterben aber nicht ab. Stattdessen beginnen sie, ein Gemisch aus Signalmolekülen auszuschütten, das als SASP bekannt ist – kurz für „senescence-associated secretory phenotype", also den seneszenzassoziierten sekretorischen Phänotyp. Diese Moleküle können benachbarte Zellen schädigen, chronische Entzündungen befeuern und das Risiko für altersbedingte Erkrankungen erhöhen. Das Problem: Es gibt Hunderte von SASP-Komponenten. Bisher konnte kein einzelner Biomarker die Gesamtlast dieser Substanzen in einer einzigen Messung abbilden.
Ein Score auf Basis von Deep Learning
Forschende haben nun den SASP Score entwickelt, einen Biomarker, der auf einem Deep-Learning-Algorithmus basiert. Das Modell analysiert Proteinmuster im Blut und verdichtet sie zu einer einzigen Kennzahl, die den kombinierten Effekt der zirkulierenden SASP-Moleküle widerspiegelt. Das Forschungsteam beschreibt den Ansatz auf Lifespan.io, das auf die zugrundeliegende wissenschaftliche Publikation verweist.
Die Idee, das komplexe SASP-Gemisch in einer einzigen Zahl zusammenzufassen, ist methodisch bemerkenswert. Bestehende Biomarker erfassen einzelne SASP-Proteine wie IL-6 oder GDF15, liefern aber kein Gesamtbild. Der SASP Score versucht, diese Einschränkung zu überwinden, indem das Muster als Ganzes erlernt wird.
Was belegt ist – und was nicht
Das Instrument ist vielversprechend, doch Vorbehalte bleiben. Ob der Score vorhersagt, wie rasch jemand altert oder wie gut eine Behandlung wirkt, muss in größeren Studien erst noch gezeigt werden. Ein auf bestimmten Datensätzen trainierter Algorithmus kann außerhalb dieser Datensätze schwächer abschneiden. Die Forschenden schlagen vor, den SASP Score einzusetzen, um die Wirkung von Senolytika zu messen – Medikamenten, die seneszente Zellen beseitigen. Das bleibt vorerst eine Hypothese.
Aus der Perspektive der Longevity-Forschung ist das Potenzial offensichtlich: Lässt sich der kumulative Schaden durch alternde Zellen mit einem einzigen Bluttest erfassen, wird es deutlich leichter, zum richtigen Zeitpunkt einzugreifen und zu beurteilen, ob eine Intervention wirkt. Ob das zuverlässig gelingt, müssen unabhängige Studien zeigen.
Willst du selbst weitersuchen?
Suche zum Beispiel nach:
- SASP biomarker cellular senescence
- senolytic treatment blood test measurement
- deep learning aging burden