Darmbakterien verlängern die Lebensspanne durch Polyamine
Darmbakterien produzieren Moleküle, die beeinflussen, wie lange wir leben. Neue Forschung an Fruchtfliegen macht diesen Zusammenhang erstmals konkret und messbar.
Darmbakterien erzeugen Dutzende von Verbindungen, die der Körper aufnimmt. Polyamine wie Putrescin und Spermidin gehören zu den am intensivsten erforschten darunter. Sie fördern das Zellwachstum, stabilisieren Proteine und schützen vor Schäden. Frühere Studien an Mäusen legten nahe, dass höhere Polyaminspiegel im Dickdarm die Lebensspanne verlängern könnten. Doch war dieser Effekt tatsächlich auf die Bakterien selbst zurückzuführen – oder auf andere, störende Einflussfaktoren?
Um das herauszufinden, setzten Forschende sogenannte gnotobiotische Fliegen ein: Tiere, die in einer vollständig keimfreien Umgebung aufgezogen und anschließend mit einem einzigen Bakterienstamm besiedelt wurden. Das ermöglichte es dem Team, den bakteriellen Beitrag präzise zu isolieren. Verglichen wurden Fliegen, die mit polyaminproduzierenden E.-coli-Bakterien besiedelt waren, mit Fliegen, die einen Mutantenstamm beherbergten, der keine Polyamine herstellen kann.
Keine Polyamine, kürzeres Leben
Das Ergebnis war eindeutig. Fliegen mit polyaminproduzierenden Bakterien lebten deutlich länger als jene mit dem Mutantenstamm. Zwei Stressreaktions-Gene – TotM und Halo – waren in der länger lebenden Gruppe zudem weniger aktiv. Eine geringere Aktivität dieser Gene deutet auf ein stabileres zelluläres Milieu unter weniger physiologischem Stress hin.
Die im Fachjournal mBio veröffentlichte Studie ist bemerkenswert, weil sie erstmals direkte Belege dafür liefert, dass Polyamine, die gezielt von Darmbakterien produziert werden, die Lebensspanne des Wirts beeinflussen – nicht die Bakterien als Ganzes, nicht die Ernährung, sondern die spezifischen Moleküle, die sie synthetisieren.
Was bedeutet das für den Menschen?
Fruchtfliegen sind keine Menschen. Doch die beteiligten Mechanismen – darunter die bakterielle Polyaminproduktion und die Regulation von Stressgenen – wurden auch bei Säugetieren beschrieben. Spermidin kommt bereits in Lebensmitteln wie Weizenkeimen und gereiftem Käse vor und wird als Nahrungsergänzungsmittel erforscht. Ob eine Erhöhung der Polyaminspiegel über die Ernährung oder das Darmmikrobiom den Alterungsprozess beim Menschen tatsächlich verlangsamt, ist bislang nicht belegt – das müssen klinische Studien zeigen. Aus der Perspektive der Longevity-Forschung ist diese Arbeit dennoch wegweisend: Sie rückt das Darmmikrobiom von einem bloßen Gesundheitskorrelat zu einem mechanistischen Hebel im Alterungsprozess.
Willst du selbst weitersuchen?
Suche zum Beispiel nach:
- polyamine biosynthesis gut microbiome
- gnotobiotic model lifespan
- spermidine aging