Können bestimmte Pilze oder Bakterien in deinem Darm deine Zellalterung beeinflussen?
Es gibt ernsthafte Hinweise darauf, dass Darmbakterien Zellalterung antreiben können, beim Menschen ist das aber noch nicht bewiesen. Konkrete Maßnahmen über Probiotika oder Präbiotika entbehren noch der klinischen Grundlage, weshalb es zu früh ist, jetzt darauf zu setzen.
Bestimmte Darmbakterien produzieren eine Substanz namens Phenylacetylglutamin (kurz PAGln). Ältere Menschen bilden davon mehr als jüngere. In Zell- und Mausstudien zeigte sich, dass PAGln Zellen altern lässt, indem es die Energiekraftwerke der Zelle (Mitochondrien) schädigt und DNA-Schäden verursacht. Die Zelle bleibt dadurch in einem beschädigten Zustand stecken, was Seneszenz heißt: Die Zelle stirbt nicht ab, funktioniert aber auch nicht mehr normal. Dazu gibt es bisher nur Daten aus Zellkulturen und Mäusen.
Allgemeiner gilt: Das Darmmikrobiom verändert sich mit dem Alter. Die bakterielle Vielfalt nimmt ab, und schädliche Arten gewinnen relativ an Gewicht. Mehrere Übersichtsarbeiten verknüpfen das mit stärkerer chronisch-niedriggradiger Entzündung und einer höheren Zahl seneszenter Zellen im Körper. Beide Phänomene hängen eng zusammen. Wahrscheinlich läuft es in beide Richtungen: Seneszente Zellen schütten Entzündungsstoffe aus, die das Darmmilieu weiter destabilisieren, was den Prozess erneut verstärkt.
In Mausstudien gelang es, die PAGln-getriebene Zellalterung zurückzudrängen, über zwei Strategien: die Blockade des Andockrezeptors, an dem PAGln angreift (den adrenergen Rezeptor), oder die Gabe von Senolytika, also Wirkstoffen, die gealterte Zellen gezielt beseitigen. Dass sich dieser Prozess über Probiotika oder Präbiotika bremsen ließe, nennen Übersichtsarbeiten als denkbare Richtung. Klinische Studien am Menschen stehen hier noch aus.
Eine große Übersichtsarbeit zu Anti-Aging-Maßnahmen erkennt das Darmmikrobiom zwar als Ansatzpunkt an, doch die Maßnahmen mit der stärksten klinischen Grundlage sind derzeit andere: Medikamente wie Rapamycin und Metformin stehen vorn. Das Mikrobiom erscheint in der Rangliste, belegt aber noch keinen Spitzenplatz. Insgesamt gibt es belastbare mechanistische Hinweise darauf, dass Darmbakterien die Zellalterung beeinflussen können.
Aussagen basieren auf Zell- und Mausstudien (PMID 39794469), mehreren Reviewstudien zu Mikrobiom und Seneszenz (PMID 39148278, 34960102), einer breiten Anti-Aging-Übersichtsarbeit (PMID 32467649) sowie einer Studie zu Postmenopause und Darmmikrobiom (PMID 39585466). Große randomisierte klinische Studien zur Mikrobiom-Seneszenz-Verbindung beim Menschen sind nicht verfügbar.