Das Immunsystem von Männern und Frauen altert auf grundlegend unterschiedliche Weise
Frauen zeigen tendenziell stärkere Immunreaktionen als Männer, doch ihr Immunsystem scheint sich mit dem Alter auch drastischer zu verändern. Eine neue Großstudie zeigt, dass die Immunzellen von Männern und Frauen unterschiedliche Alterungsverläufe nehmen – mit potenziell weitreichenden Folgen für das Verständnis und die Behandlung altersbedingter Erkrankungen.
Forschende analysierten Tausende einzelner Immunzellen von Menschen verschiedener Altersgruppen und untersuchten dabei sowohl die vorhandenen Zelltypen als auch die Genaktivität innerhalb dieser Zellen. Das sich daraus ergebende Bild ist alles andere als eindeutig. Bei Frauen sind die altersbedingten Veränderungen in den Immunzellpopulationen deutlich ausgeprägter als bei Männern – doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Frauen schlechter dastehen. Es bedeutet, dass das System stärker auf den Lauf der Zeit reagiert, und zwar in mancher Hinsicht auf qualitativ andere Weise.
Zu den auffälligsten Befunden zählen Veränderungen bei Genen, die an Autoimmunprozessen beteiligt sind – also an Situationen, in denen das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift. Diese Gene zeigten bei Frauen größere altersbedingte Expressionsveränderungen, was erklären könnte, warum Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis und Lupus bei Frauen häufiger auftreten und oft nach der Menopause zunehmen. Östrogen spielt wahrscheinlich eine regulierende Rolle, und sein Rückgang hinterlässt messbare Spuren in der Immunbiologie.
Wenn die Abwehrkräfte des Körpers nachlassen
Die allmähliche Alterung des Immunsystems trägt einen eigenen Namen: Immunoseneszenz. Sie äußert sich in erhöhter Anfälligkeit für Infektionen, schwächeren Reaktionen auf Impfstoffe und einem höheren Krebsrisiko. Doch auch hier scheinen Männer und Frauen unterschiedliche Wege zu gehen. Manche Zelltypen nehmen mit dem Alter ab, andere verschieben sich in ihren relativen Anteilen. Die Studie zeigt, dass das Muster – welche Zellen sich verändern und wie – zwischen den Geschlechtern erheblich abweicht.
Die praktischen Konsequenzen sind greifbar. Impfpläne, Dosierungen immunmodulierender Medikamente und Risikoprofile für Infektionskrankheiten wurden bislang weitgehend auf Grundlage von Daten entwickelt, in denen Männer und Frauen gemeinsam betrachtet wurden. Wenn sich die zugrunde liegende Immunbiologie jedoch grundlegend unterscheidet, könnten Standardempfehlungen für bestimmte Gruppen suboptimal oder gar irreführend sein.
Ein Forschungsfeld, das Geschlechterunterschiede lange ignoriert hat
Die Ergebnisse verknüpfen sich mit dem übergeordneten Konzept des Inflammaging – der niedriggradigen chronischen Entzündung, die sich mit dem Alter ansammelt und mit nahezu allen großen altersbedingten Erkrankungen in Verbindung gebracht wird, von Demenz bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ob Inflammaging bei Frauen anders verläuft als bei Männern und ob das teilweise die unterschiedlichen Krankheitsmuster im Laufe eines Lebens erklärt, ist eine Frage, die diese Forschungsarbeit aufwirft, ohne sie vollständig zu beantworten. Jahrzehntelang behandelte die biomedizinische Forschung den männlichen Körper als den Normalfall. Studien wie diese beginnen, diese Annahme zu erschüttern – langsam, aber mit wachsender Überzeugungskraft.