Altert man durch Stress schneller?
Anhaltender Stress beschleunigt das biologische Altern nachweislich. Ein gesunder Lebensstil, der körperlichen und oxidativen Stress reduziert, kann diesen Prozess spürbar abbremsen.
Ja – und das lässt sich inzwischen messen. Wissenschaftler können an deiner DNA ablesen, wie alt deine Zellen tatsächlich sind, unabhängig von deinem Geburtsdatum. Frühe Kindheitstraumata, eine Häufung belastender Erlebnisse und Armut gehen in mehreren Studien mit einem höheren biologischen Alter einher, als das Kalenderjahr erwarten ließe. Die Richtung dieses Zusammenhangs ist studienübergreifend konsistent, auch wenn die genaue Größenordnung variiert1.
Stress greift Zellen auf mehreren Wegen an. Die Schutzkappen an den Enden deiner Chromosomen – die Telomere – verkürzen sich schneller. Zellen stellen früher auf, sich zu teilen, schütten dabei aber weiterhin Entzündungsbotenstoffe aus. Große Bevölkerungsstudien zeigen, dass anhaltender Stress mit einem erhöhten Risiko für Diabetes und Fettleber verbunden ist2.
Forschende des National Institute on Aging beschreiben, wie das Zusammenwirken von Armut, Ungleichheit und chronischem Stress den Körper schneller altern lässt – ein Phänomen, das als Weathering bezeichnet wird. Messbar sind dabei erhöhte oxidative Schäden, frühzeitige DNA-Schäden und erhöhte Entzündungswerte. Der Zusammenhang ist belastbar; ein vollständiger Kausalitätsnachweis steht allerdings noch aus3. In Zell- und Tierversuchen scheint Dauerstress zudem ein Protein zu schwächen, das Zellen vor Schäden schützt, was den Alterungsprozess weiter beschleunigt. Ob das beim Menschen genauso abläuft, ist bislang unklar4.
Es gibt aber auch eine ermutigende Nachricht. In einer Studie mit knapp 24.000 Teilnehmenden stellte sich heraus, dass Menschen mit besserer Herz-Kreislauf-Gesundheit biologisch jünger sind. Jede 10 Punkte höhere Punktzahl auf einem Maß für kardiovaskuläre Gesundheit entsprach im Schnitt einem um 1,14 Jahre niedrigeren biologischen Alter. Ein gesunder Lebensstil, der die körperliche und oxidative Belastung senkt, scheint die biologische Uhr also nachweislich zu verlangsamen5.
Fünf Studien wurden herangezogen: zwei epidemiologische Reviews zu epigenetischer Alterung und Stoffwechselerkrankungen, ein Review des National Institute on Aging zum Weathering-Phänomen, eine Zell- und Tierstudie zu einem schützenden Protein sowie eine große Bevölkerungsstudie mit knapp 24.000 Teilnehmenden. Die Evidenz ist überwiegend assoziativ oder stützt sich auf Tier- und Zellforschung. Randomisierte Studien am Menschen, die Stressreduktion und biologisches Altern direkt untersuchen, existieren bislang nicht.