Kostet ein langes Leben die Fruchtbarkeit?
Genetische Untersuchungen zeigen bei Männern eine kleine Wechselwirkung: Mehr Testosteron geht mit etwas mehr Nachkommen und gleichzeitig mit einer etwas kürzeren Lebensdauer einher. Bei Frauen wurde dieser Testosteron-Effekt nicht gefunden, obwohl die Fruchtbarkeit mit dem Alter deutlich abnimmt.
Testosteron stellt bei Männern einen echten Zielkonflikt dar: Ein genetisch höherer Testosteronspiegel geht mit etwas mehr Nachkommen einher, aber auch mit einer etwas kürzeren Lebensspanne. Im Schnitt sind es rund drei Viertel Jahre weniger pro Stufe, die der Spiegel nach oben geht. Dasselbe Hormon, das die Fruchtbarkeit ankurbelt, erhöht auch den Blutdruck und verschleißt den Körper früher.
Bei Frauen wurde dieses Muster nicht gefunden. Ein genetisch höherer Testosteronspiegel hing in derselben Untersuchung weder mit einer kürzeren noch mit einer längeren Lebensdauer zusammen, und auch nicht mit mehr oder weniger Kindern. Der Zielkonflikt zwischen Fruchtbarkeit und Überleben scheint also geschlechtsspezifisch zu sein, zumindest was Testosteron betrifft.
Was für Frauen durchaus gilt: Der Eizellenvorrat schrumpft mit zunehmendem Alter. Das Hormon AMH, das anzeigt, wie viele Eizellen noch vorhanden sind, erreicht in den frühen Zwanzigern seinen Höchstwert und sinkt danach stetig bis zur Menopause. Frauen, die in höherem Alter eine künstliche Befruchtung durchlaufen, haben häufiger eine Fehlgeburt und geringere Chancen auf ein lebendig geborenes Kind. Das deutet darauf hin, dass auch die Gebärmutterschleimhaut im Laufe des Lebens an Qualität verliert, zusätzlich zur bekannten Abnahme der Eizellenqualität.
Ob Umweltfaktoren diesen Prozess beschleunigen, ist offen. Kleinere Studien fanden höhere Konzentrationen bestimmter Mikroplastikpartikel in der Follikelflüssigkeit von Frauen mit eingeschränktem Eizellenvorrat. Eine höhere Belastung durch Feinstaub, besonders dessen Bestandteile Nitrat und organisches Material, hing bei Frauen mit künstlicher Befruchtung mit weniger und schlechteren Eizellen zusammen. Dazu gibt es bisher nur kleine Beobachtungsstudien, die zeigen können, dass zwei Dinge gleichzeitig auftreten, nicht aber, dass das eine das andere verursacht.
Die Antwort stützt sich auf eine genetische Analyse bei Männern und Frauen (eine besonders aussagekräftige Methode, um Ursache und Wirkung zu trennen), zwei zusammenfassende Auswertungen von jeweils mehreren Dutzend Studien zu Alter und Eierstockfunktion bei künstlicher Befruchtung sowie einige kleinere Studien zu Mikroplastik und Luftverschmutzung. Der Zusammenhang zwischen Testosteron, Fruchtbarkeit und Lebensdauer bei Männern ist am stärksten belegt. Die Erkenntnisse zu Umweltfaktoren wie Plastik und Feinstaub sind dagegen gering: Die Studien sind klein und können nur zeigen, dass zwei Dinge gleichzeitig auftreten, nicht aber, dass das eine das andere verursacht. Die Forschenden weisen ausdrücklich auf diese Einschränkung hin.
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