Stimmt es, dass künstliche Süßstoffe Krebs verursachen?
Es gibt Hinweise, dass ein hoher Konsum künstlicher Süßstoffe mit einem leicht erhöhten Krebsrisiko zusammenhängt, ein bewiesener ursächlicher Zusammenhang fehlt jedoch. Moderater Konsum muss nicht dramatisiert werden, doch als „sichere" Strategie zur Gewichtskontrolle sind Süßstoffe ebenfalls nicht belegt.
Große Beobachtungsstudien zeigen ein mäßig erhöhtes Krebsrisiko bei Menschen, die künstliche Süßstoffe in hohen Mengen konsumieren. In einer französischen Kohortenstudie mit über 102.000 Teilnehmern lag das Krebsrisiko bei Vielkonsumenten rund 13 bis 15 % höher als bei Personen, die keine Süßstoffe verwendeten. Aspartam und Acesulfam-K zeigten vergleichbare Signale. Das klingt beunruhigend, doch solche Studien können keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen.
Eine Metaanalyse, die 25 Beobachtungsstudien mit knapp 3,7 Millionen Teilnehmern zusammenfasste, fand weltweit keinen eindeutigen Zusammenhang mit der Krebsinzidenz. In europäischen Studien zeigte sich immerhin ein kleines, statistisch signifikantes Risikoplus von 7 %. Die Befundlage ist also weder völlig widersprüchlich noch wirklich einheitlich. Zwei methodische Grundprobleme tauchen dabei immer wieder auf: Störfaktoren (wer viel Light-Produkte trinkt, lebt generell anders) und umgekehrte Kausalität (Menschen, die bereits krank sind oder Übergewicht haben, greifen häufiger zu Süßstoffen). Beide Faktoren können die beobachteten Zusammenhänge teilweise oder vollständig erklären.
Eine umfangreiche Übersichtsarbeit, die Hunderte toxikologische und epidemiologische Befunde auswertete, kam zu dem Schluss, dass kein Beleg für ein erhöhtes Krebsrisiko vorliegt. Wichtiger Vorbehalt: Diese Studie wurde von der Süßstoffindustrie finanziert, was ihre Unabhängigkeit einschränkt.
Computergestützte Studien und Tierversuche deuten auf Mechanismen hin, über die Süßstoffe mit krebsrelevanten Proteinen interagieren könnten. Solche Rechenmodelle und Zellstudien sind jedoch rein hypothesengenerierend; was davon im menschlichen Körper tatsächlich passiert, lässt sich daraus nicht ableiten.
Was die Wissenschaft hingegen recht konsistent zeigt: Ein hoher Konsum künstlicher Süßstoffe hängt mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und möglicherweise höherer Sterblichkeit zusammen. Ob dieser Zusammenhang kausal ist und wie groß er bei moderatem Konsum ausfällt, bleibt offen. Ein konkreter Orientierungspunkt: Die WHO rät inzwischen davon ab, Süßstoffe dauerhaft zur Gewichtskontrolle einzusetzen, unter anderem weil Metaanalysen keinen Nutzen für Körpergewicht oder Blutzuckerspiegel belegen.
Alle Aussagen stützen sich auf Beobachtungsstudien und Metaanalysen aus Beobachtungsstudien (keine randomisierten kontrollierten Studien), eine industriefinanzierte Übersichtsarbeit sowie explorative computergestützte Forschung. PMIDs: 35324894, 36145117, 36870410, 39780215, 38423749, 36638072, 37490630, 36364710.