Kann chronische Entzündung im Körper Krebs auslösen?
Chronische niedriggradige Entzündung gilt als anerkannter Risikofaktor für verschiedene Krebsarten. Die stärkste Evidenz besteht für Darmkrebs bei entzündlichen Darmerkrankungen und für mehrere Krebsarten im Zusammenhang mit Adipositas.
Ja, eine dauerhaft schwelende, niedriggradige Entzündung erhöht nachweislich das Krebsrisiko. Gemeint ist nicht die akute Entzündung nach einer Schnittwunde, sondern ein anhaltender Zustand, bei dem das Immunsystem über Jahre hinweg auf Hochtouren läuft. Dadurch entsteht ein Gewebemilieu, in dem Krebszellen sich bilden und ausbreiten können1.
Am besten untersucht ist dieser Zusammenhang bei Adipositas. Fettgewebe verhält sich bei Übergewicht wie dauerhaft geschädigtes Gewebe: Es ist durchsetzt von Immunzellen, die kontinuierlich Entzündungsbotenstoffe ausschütten. Diese Botenstoffe treiben Insulinresistenz und Zellschäden voran. Starke Zusammenhänge wurden mit Brust-, Darm-, Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs gefunden2,3. Fettgewebeentzündungen treten auch bei normalgewichtigen Menschen auf – die Zahl auf der Waage erzählt also nicht die ganze Geschichte.
Auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn ist der Zusammenhang gut belegt. Die anhaltende Entzündung der Darmschleimhaut verändert das Zellmilieu so grundlegend, dass Tumorbildung begünstigt wird und das Darmkrebsrisiko steigt4. Menschen mit diesen Erkrankungen werden deshalb engmaschig überwacht.
Für chronische Parodontitis beschreiben Beobachtungsstudien einen Zusammenhang mit Krebs, doch überzeugende Belege aus Humanstudien fehlen bisher5.
Fettgewebeentzündungen sind umkehrbar. Gewichtsreduktion durch gesündere Ernährung und mehr Bewegung senkt das Krebsrisiko nachweislich – vermutlich weil die chronische Entzündung dadurch zurückgeht2,3. Wer seinen Lebensstil verbessert, greift damit direkt in einen belegten Risikofaktor ein.
Basiert auf mehreren Übersichtsarbeiten (PMID 31806905, 27903155, 40714142, 39465427, 26976915, 33510490). Die Evidenzstärke unterscheidet sich je nach Krebsart: stark für den allgemeinen Zusammenhang zwischen Entzündung und Krebs sowie für IBD-assoziiertes Darmkrebsrisiko, mäßig für adipositasbedingte Krebserkrankungen, begrenzt für Parodontitis. Genaue Risikozahlen werden in den Quellen nicht genannt. Große randomisierte Studien mit Krebsendpunkten über lange Zeiträume sind in dieser Quellenauswahl nicht verfügbar.