Tut Spazierengehen in der Natur oder in der Nähe von Grünflächen der Gesundheit gut?
Wer in der Natur spazieren geht oder in der Nähe von Grünflächen wohnt, profitiert nachweislich – vor allem bei Stress und körperlicher Aktivität. Die Evidenz stammt überwiegend aus Beobachtungsstudien, ist aber konsistent genug, um sie ernst zu nehmen.
Wer in der Natur spazieren geht oder in einem grünen Viertel wohnt, hat nachweislich einen niedrigeren Ruhepuls, einen niedrigeren Blutdruck und weniger Stress. Das zeigt sich am deutlichsten in einer systematischen Übersichtsarbeit, die Messungen außerhalb des Labors ausgewertet hat1. Wie viel Natur genau nötig ist, bleibt offen – der Zusammenhang ist aber stark genug, um ihn ernst zu nehmen.
Grünflächen in der Nähe machen es auch wahrscheinlicher, dass man sich überhaupt mehr bewegt. Eine englische Survey-Studie2 zeigte, dass Bewohner der grünsten Stadtteile mit 27% höherer Wahrscheinlichkeit die empfohlenen Bewegungsrichtwerte erreichten als jene in den am wenigsten begrünten Gegenden. Überraschend dabei: Der Unterschied lag nicht im Parkbesuch, sondern im Gärtnern und Heimwerken. Warum das so ist, lässt sich bisher nicht abschließend erklären.
Die Entfernung spielt eine entscheidende Rolle. Eine niederländische Studie mit über 3.200 Erwachsenen3 ergab, dass Menschen pro 100 Meter zusätzlicher Wegstrecke zur nächsten Grünfläche knapp 23 Minuten weniger pro Woche zu Fuß unterwegs waren – allerdings nur in ihrer Freizeit, nicht auf dem Arbeitsweg. Da die Studie individuelle Unterschiede berücksichtigt, gelten die Ergebnisse für das Freizeitwandern als vergleichsweise belastbar.
Nicht alle Effekte sind gleich gut belegt. Eine Studie mit mehr als 157.000 Frauen fand keinen Zusammenhang zwischen Grün im Wohnumfeld und dem Sturzrisiko4. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 zu städtischen Grünraummaßnahmen5 liefert ein gemischtes Bild: Spielplätze und Outdoor-Fitnessgeräte zeigen Wirkung, aber die Evidenz für Wanderwege und neue Bepflanzungen ist weniger eindeutig. Zu möglichen Vorteilen für die psychische Gesundheit fehlen belastbare Daten fast vollständig. Eine Politikanalyse6 weist zudem darauf hin, dass nicht alle Menschen gleich guten Zugang zu Grünflächen haben – was bestehende Gesundheitsungleichheiten weiter verschärft.
Grundlage sind zwei systematische Übersichtsarbeiten (zu Stressreduktion und städtischen Grünrauminterventionen), mehrere Beobachtungsstudien (Kohorten-, Querschnitts- und Survey-Analysen) sowie eine Politikanalyse. Den größten Datensatz liefert die Women's Health Initiative mit 157.583 Teilnehmerinnen. Ein kausaler Zusammenhang ist am ehesten für Stressreduktion und mehr Freizeitwandern in der Nähe von Grünflächen plausibel; bei den übrigen Endpunkten handelt es sich um statistische Zusammenhänge.