Warum hören manche Zellen mit dem Altern auf, sich zu teilen?
Zellen stoppen als Schutz vor Schäden und Krebs mit der Teilung, doch die Ansammlung dieser gestoppten Zellen trägt im Laufe der Jahre zu Entzündungen und altersbedingten Erkrankungen bei. Medikamente, die das bekämpfen, sind in Tierversuchen vielversprechend, aber noch nicht für den Einsatz außerhalb klinischer Studien geeignet.
Jedes Mal, wenn sich eine Zelle teilt, werden die Schutzenden der Chromosomen ein kleines Stück kürzer. Stell dir vor wie die Kunststoffhülsen an Schnürsenkeln: Ohne diese Hülsen fransen die Enden aus. Nach genug Teilungen sind diese Enden so kurz, dass die Zelle ihr Alarmsystem aktiviert und aufhört sich zu vermehren. Neben diesem Verschleiß können auch DNA-Schäden und die Aktivierung krebsfördernder Gene denselben Stoppbefehl auslösen. Dieser Vorgang heißt zelluläre Seneszenz.
Dieses Stoppen ist kein Fehler des Körpers, sondern ein Schutzmechanismus mit zwei Zielen. Erstens verhindert er, dass beschädigte Zellen sich weiter kopieren und möglicherweise zu Krebszellen werden. Seneszenz wirkt dabei wie eine Notbremse gegen Krebsentstehung. Zweitens übernehmen seneszente Zellen vorübergehend eine nützliche Rolle bei der Gewebereparatur und in der Embryonalentwicklung.
Das Problem entsteht, wenn sich diese gestoppten Zellen im Laufe der Jahre ansammeln. Sie verschwinden nicht von selbst, sondern schütten ein Gemisch aus entzündungsfördernden Botenstoffen aus, das umliegende gesunde Zellen schädigt. Das trägt zu chronischer niedriggradiger Entzündung und zu altersbedingten Erkrankungen wie Arteriosklerose und Arthrose bei. Im Gehirn häufen sich vergleichbare gestoppte Zellen sowohl beim normalen Altern als auch bei neurodegenerativen Erkrankungen an, wobei noch unklar ist, ob sie Ursache oder Folge sind.
Intensiv erforscht wird derzeit, ob Medikamente diese Ansammlung gezielt bekämpfen können. Senolytika bauen seneszente Zellen selektiv ab; eine andere Wirkstoffklasse hemmt nur deren schädliche Ausschüttung, ohne die Zellen zu entfernen. In Tierversuchen sind die Ergebnisse vielversprechend. Beim Menschen befinden sich diese Mittel jedoch noch in frühen Testphasen, und weder Sicherheit noch Wirksamkeit sind belegt. Ein reales Risiko besteht darin, dass seneszente Zellen auch die Bremse gegen Krebsentstehung sind: Sie unkontrolliert zu beseitigen kann diesen Schutzeffekt untergraben.
Alle Aussagen basieren auf den zugrunde liegenden Abstracts (PMIDs 30648461, 33328614, 32800277, 35015337, 29477613, 38030088, 36732079, 38583577). Die Grundlagenbiologie der Seneszenz ist gut belegt; therapeutische Anwendungen beim Menschen sind bislang nur begrenzt durch Evidenz gestützt.