Netzwerkmedizin kartiert bekannte Wirkstoffe auf Alterungspfade
Könnte ein Blutdruckmittel, das man bereits einnimmt, gleichzeitig den Alterungsprozess verlangsamen? Forschende der Northeastern University und der Harvard University haben eine Methode entwickelt, die genau solche Zusammenhänge aufspürt – mithilfe von Protein-Interaktionsnetzwerken.
Die Suche nach Wirkstoffen, die gezielt in den Alterungsprozess eingreifen, ist schwierig. Altern vollzieht sich über Jahrzehnte, und die direkte Messung eines Medikamenteneffekts auf die menschliche Lebensspanne ist praktisch nicht umsetzbar. Eine neue Studie in Nature Aging schlägt einen anderen Weg vor. Forschende nutzten die Netzwerkmedizin – einen Ansatz, der die Wechselwirkungen zwischen Proteinen im Körper kartiert (das Interaktom) – um vorherzusagen, welche bereits zugelassenen Wirkstoffe die Kennzeichen des Alterns beeinflussen könnten.
Altern als Krankheitsmodul in einer Proteinkarte
Die Grundlogik lautet: Gene, die an einer bestimmten Krankheit beteiligt sind, clustern im Proteinnetzwerk zu einem Modul zusammen. Medikamente, deren Angriffspunkte sich in der Nähe dieses Moduls befinden, können die Erkrankung möglicherweise beeinflussen. Die Forschenden wendeten dieselbe Logik auf die Hallmarks of Aging an – etwa DNA-Stabilität und interzelluläre Kommunikation. Sie ordneten 2.358 alterungsrelevante Gene aus einer kuratierten Datenbank dem Interaktom zu und fragten, welche zugelassenen Wirkstoffe Zielstrukturen in dieser Nachbarschaft besitzen. So beschreiben die Forschenden ihren Ansatz.
Das Ergebnis ist eine Karte vorhandener Medikamente und ihrer potenziellen Relevanz für jeden einzelnen Hallmark of Aging – eine priorisierte Kandidatenliste für die weitere Alternsforschung.
Ein Rahmenwerk, kein Beweis
Entscheidend ist: Die Studie liefert Vorhersagen, keine Belege. Ein Wirkstoff, der im Netzwerk nahe an Alterungsgenen liegt, verlangsamt den Alterungsprozess nicht automatisch. Die Netzwerkmedizin bietet eine Priorisierung für weiterführende Untersuchungen, aber keinen klinischen Wirkungsnachweis. Die Methode hat zuvor bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und COVID-19 nützliche Kandidaten identifiziert. Ob sie dasselbe für das Altern leisten kann, muss erst noch erprobt werden.
Für die Longevity-Wissenschaft liegt der Reiz dieses Ansatzes in der Nutzung bereits zugelassener Medikamente. Diese verfügen über etablierte Sicherheitsprofile, was den Weg zu klinischen Studien verkürzt. Ob sie den Alterungsprozess beim Menschen tatsächlich verlangsamen, bleibt jedoch eine offene Frage.
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