Östrogen-Therapie mit geringerem Alzheimer-Risiko verbunden
Frauen, die im späteren Leben eine Hormontherapie mit Östrogen allein erhalten hatten, bekamen 39 Prozent seltener die Diagnose Demenz. Zudem zeigten ihre Gehirne nach dem Tod weniger typische Alzheimer-Merkmale. Angesichts einer seit Jahrzehnten umstrittenen Therapie sind das bemerkenswerte Zahlen.
Eine große Studie mit mehr als 21.000 Teilnehmerinnen hat untersucht, was in den Gehirnen von Frauen vorgeht, die im späteren Leben eine Hormontherapie mit Östrogen allein erhalten hatten. Die Forschenden werteten sowohl klinische Demenzdiagnosen als auch Hirngewebe aus, das nach dem Tod der Frauen untersucht wurde. Frauen, die Östrogen verwendet hatten, zeigten 35 Prozent weniger Anzeichen von Alzheimer – darunter Ablagerungen des Proteins Amyloid und Verklumpungen des Proteins Tau. Blutbasierte Biomarker-Tests deuteten ebenfalls darauf hin, dass sich bei Anwenderinnen einer Hormontherapie weniger Amyloid angesammelt hatte.
Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Die Forschenden können nicht beweisen, dass Östrogen den beobachteten Schutzeffekt verursacht hat. Frauen, die eine Hormontherapie anwenden, unterscheiden sich in anderen Eigenschaften von Nicht-Anwenderinnen, was die Ergebnisse beeinflussen kann.
Zeitpunkt und Art der Therapie spielen eine Rolle
Frühere Studien kamen zu uneinheitlichen Ergebnissen, unter anderem weil viele Arbeiten eine Kombinationstherapie aus Östrogen und Gestagen untersuchten. Diese Studie konzentrierte sich gezielt auf Östrogen allein, das üblicherweise Frauen nach einer Gebärmutterentfernung verschrieben wird. Das macht den Vergleich klarer, auch wenn andere störende Einflüsse nicht vollständig ausgeschlossen werden können.
Auch der Zeitpunkt dürfte entscheidend sein. Bisherige Befunde legen nahe, dass Östrogen am wirksamsten schützt, wenn es früh in den Wechseljahren begonnen wird – in einem sogenannten kritischen Zeitfenster. Ob das in dieser Studie der Fall war, lässt sich anhand der vorliegenden Zusammenfassung nicht feststellen.
Was das für die Praxis bedeutet
Die Hormontherapie wird seit Jahrzehnten diskutiert, besonders nachdem die Women's Health Initiative-Studie im Jahr 2002 auf erhöhte Risiken für Herzerkrankungen und Brustkrebs hingewiesen hatte. Das heutige klinische Bild ist differenzierter: Bei gesunden Frauen rund um die Wechseljahre können die Vorteile die Risiken überwiegen – abhängig vom Alter, der Art der Therapie und individuellen Risikofaktoren.
Die neue Studie fügt dieser Diskussion eine weitere Dimension hinzu, ändert aber die geltenden Leitlinien vorerst nicht. Die Autorinnen und Autoren sehen Östrogen als potenziell neuroprotektive Substanz, betonen jedoch, dass weitere Forschung nötig ist, bevor eindeutige Schlüsse gezogen werden können. Aus der Perspektive der Langlebigkeitsforschung sind die Ergebnisse bemerkenswert, weil sie auf ein biologisches Zeitfenster hinweisen, in dem ein hormoneller Schutz des Gehirns möglich sein könnte.
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