Versicherer wollen das biologische Alter ihrer Kunden kennen
Wer 50 Jahre alt ist, aber ein biologisches Alter von 46 hat – sollte das zu niedrigeren Versicherungsprämien führen? Lebensversicherer denken ernsthaft darüber nach. Doch die Wissenschaft ist noch längst nicht so weit.
Aging Clocks – Methoden, die das biologische Alter eines Menschen schätzen – wecken ernsthaftes Interesse in der Versicherungsbranche. Branchenanalysten kommen zu dem Schluss, dass Aging Clocks auf Bevölkerungsebene durchaus zuverlässig funktionieren, für den individuellen kommerziellen Einsatz jedoch noch zu fehleranfällig sind. Zwei Menschen mit demselben biologischen Alter von 46 Jahren können sich im Gesundheitsrisiko dennoch erheblich voneinander unterscheiden.
Kein Goldstandard in Sicht
Das Problem ist grundlegender Natur: Für das biologische Alter gibt es keine allgemein anerkannte Definition. Verschiedene Clocks – ob auf Basis von DNA-Methylierung (chemischen Veränderungen an der DNA, die sich mit dem Alter wandeln), Proteinprofilen oder Blutwerten – liefern für dieselbe Person mitunter stark abweichende Ergebnisse. Versicherer nutzen seit Jahrhunderten das kalendarische Alter als Maßstab. Es ist einfach, transparent und rechtlich belastbar. Das biologische Alter ist bislang keines von alledem.
Für die Versicherungsbranche ist dies dennoch eine existenzielle Frage. Sollten Longevity-Therapien tatsächlich wirken und die Lebensdauer strukturell verlängern, müssen die Sterbetafeln, auf denen die Prämien beruhen, vollständig überarbeitet werden. Wer diesen Trend als Erster richtig einschätzt, verschafft sich einen enormen Wettbewerbsvorteil.
Was Clocks können – und was nicht
Aging Clocks sind für Bevölkerungsstudien nützlich: Sie zeigen, ob eine Intervention das biologische Altern im Durchschnitt verlangsamt. Ein individueller Messwert – etwa „altert mit 0,7 Jahren pro Jahr" – ist jedoch noch nicht zuverlässig genug, um darauf Lebensversicherungsentscheidungen zu stützen. Das Ergebnis kann je nach gemessenen Biomarkern, untersuchtem Gewebe und verwendetem Algorithmus variieren.
Für die Longevity-Wissenschaft ist das Interesse der Versicherer zugleich Bestätigung und Anreiz. Investiert die Branche in bessere Clocks, könnte das die Entwicklung präziserer Messwerkzeuge beschleunigen. Die Anforderungen an die individuelle Messgenauigkeit sind jedoch hoch – und noch nicht erfüllt.
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