Altersuhren messen möglicherweise nicht dasselbe
Dutzende Tests behaupten, das biologische Alter zu messen. Doch erfassen sie wirklich dasselbe? Ein umfassender Übersichtsartikel stellt ernsthafte Fragen daran, wie austauschbar diese Uhren dargestellt werden.
Das biologische Alter ist ein faszinierendes Konzept. Es besagt, dass der Körper schneller oder langsamer altern kann, als das Geburtsdatum vermuten lässt. Altersuhren versuchen dies zu quantifizieren, indem sie Muster in Blutmarkern, der DNA-Methylierung oder anderen messbaren Merkmalen analysieren. Maschinelles Lernen spielt dabei eine zentrale Rolle: Algorithmen lernen aus großen Datensätzen, welche Merkmalskombination das kalendarische Alter oder das Krankheitsrisiko am besten vorhersagt.
Drei Generationen von Uhren
Der in Radiologic Clinics erschienene Übersichtsartikel unterscheidet drei Generationen. Die erste Generation wurde darauf trainiert, das kalendarische Alter vorherzusagen. Die zweite zielt auf Krankheitsrisiko und Sterbewahrscheinlichkeit ab. Die dritte versucht, das Altern-Tempo zu messen, indem sie wiederholte Messungen über die Zeit vergleicht. Jeder Ansatz erfasst etwas anderes. Die Forschenden betonen, dass biologisches Altern aus mehreren, teils unabhängigen Prozessen besteht und keine einzelne Uhr all diese Dimensionen zugleich abbildet.
Zu den Prozessen, die Altersuhren zu erfassen versuchen, gehört die Immunoseneszenz: der schrittweise Rückgang des Immunsystems mit zunehmendem Alter. Ein weiterer ist die chronisch schwelende Entzündung – auch „Inflammaging" genannt –, bei der der Körper ohne aktive Infektion dauerhaft einen leicht entzündlichen Zustand aufrechthält. Dass beide zum Altern beitragen, ist gut belegt. Wie sie sich zu dem verhalten, was Altersuhren tatsächlich messen, ist weit weniger klar.
Noch kein Goldstandard
Ein wiederkehrendes Problem ist die Kausalität. Erzielt jemand einen höheren Wert auf einer Altersuhr, weil er schneller altert – oder verhält es sich umgekehrt? Der Übersichtsartikel weist zudem auf Störfaktoren hin: Altersuhren werden durch Einflüsse wie Rauchen, Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme beeinflusst, die vom eigentlichen Alterungsprozess unabhängig sind. Auch die Reproduzierbarkeit gibt Anlass zur Sorge: Befunde aus einer Studie lassen sich in einer anderen Population nicht immer bestätigen.
Das macht Altersuhren nicht wertlos. Aus Sicht der Longevity-Forschung sind sie ein nützliches Instrument, um Gruppen zu vergleichen oder Interventionen auf Bevölkerungsebene zu verfolgen. Der Übersichtsartikel macht jedoch deutlich, dass die Übertragung der Ergebnisse in die individuelle klinische Praxis noch ein fernes Ziel ist. Die Forschenden fordern Langzeitstudien in diversen Bevölkerungsgruppen, um die Interpretierbarkeit zu verbessern.
Zur eigenen Recherche empfehlen sich folgende Suchbegriffe: DNA methylation aging clocks, immunosenescence biomarkers, inflammaging chronic low-grade inflammation