Astronauten altern im Weltraum schneller – und das ist eine gute Nachricht für den Rest von uns
Schwerelosigkeit lässt Muskeln schwinden, Strahlung schädigt die DNA, und das Immunsystem gerät aus dem Gleichgewicht. Ein paar Monate im Weltraum tun dem menschlichen Körper das an, wofür die Erde Jahre braucht. Wissenschaftler wollen sich das jetzt zunutze machen, um das Altern besser zu verstehen – und es vielleicht zu verlangsamen.
Ein Astronaut, der nach einem Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation aus dem Raumschiff steigt, mag äußerlich völlig gesund wirken – doch auf zellulärer Ebene hat sein Körper einen beschleunigten Alterungsprozess durchlaufen. Die Telomere sind kürzer geworden, Entzündungsmarker sind erhöht, und die Mitochondrien – die Kraftwerke der Zelle – arbeiten weniger effizient. Das sind genau die Kennzeichen biologischen Alterns. Forscher, die in Nature Aging publizieren, argumentieren nun, dass Raumflüge deshalb ein einzigartiges Modell zur Erforschung des Alterns bieten: kontrolliert, messbar und im Zeitraffer.
Ein Labor in 400 Kilometern Höhe
Der Gedanke ist nicht neu, doch die wissenschaftlichen Belege dafür häufen sich. Die Übersichtsarbeit von Manwaring-Mueller und Kollegen zeigt auf, welche Alterungspfade durch Raumflüge aktiviert werden: oxidativer Stress durch kosmische Strahlung, Knochendichteverlust infolge fehlender Schwerkraft sowie Verschiebungen in der Zusammensetzung des Darmmikrobioms, die sich auf das Immunsystem auswirken. Jeder dieser Prozesse hat ein Pendant auf der Erde – er läuft hier nur weit langsamer ab. Während es beim Menschen Jahrzehnte dauern kann, bis ein bedeutsamer Knochendichteverlust eintritt, zeigen Astronauten dieselben Veränderungen bereits nach wenigen Monaten.
Dieser beschleunigte Zeitrahmen ist wissenschaftlich wertvoll. Maßnahmen, die das Altern verlangsamen sollen – ob Medikamente oder Änderungen des Lebensstils – sind notorisch schwer zu testen, weil man normalerweise Jahre, wenn nicht Jahrzehnte auf Ergebnisse warten muss. Bei Astronauten ließe sich theoretisch innerhalb einer einzigen Mission messen, ob eine Behandlung biologische Alterungsmarker beeinflusst. Hinzu kommt, dass Astronauten eine außergewöhnlich gut dokumentierte Gruppe sind: Ihr Gesundheitszustand wird vor, während und nach jeder Mission sorgfältig erfasst, was Längsschnittdaten liefert, die für die allgemeine Bevölkerung kaum verfügbar sind.
Vom Orbit in die Arztpraxis
Das eigentliche Potenzial liegt in der Übertragung dieser Erkenntnisse auf die Allgemeinmedizin. Was man darüber lernt, wie der Körper im Weltraum mit Muskelschwund umgeht, könnte die Behandlung von Sarkopenie bei älteren Menschen voranbringen. Erkenntnisse über Strahlungsschäden und DNA-Reparatur sind für Krebspatienten, die eine Strahlentherapie erhalten, unmittelbar relevant. Und ein tieferes Verständnis davon, wie das Immunsystem auf extreme Bedingungen reagiert, fließt direkt in die Forschung zum altersbedingten Immunabbau – der sogenannten Immunoseneszenz – ein.
Es gibt allerdings gewichtige Einschränkungen, die man im Blick behalten sollte. Astronauten sind keine gewöhnlichen Menschen: Sie sind außergewöhnlich gesunde, hochtrainierte Personen, die extreme Umgebungen bewusst aufsuchen. Ob sich Erkenntnisse aus dieser Gruppe eins zu eins auf einen durchschnittlichen Siebzigjährigen übertragen lassen, ist keineswegs sicher. Die Autoren räumen das ein, argumentieren jedoch, dass die kontrollierte Natur von Raumfahrtmissionen – gleiche Umgebung, gleiche Überwachung, gleiche Zeitrahmen – etwas bietet, das erdgebundene Altersstudien schlicht nicht leisten können. Ob die kommerzielle Raumfahrt mit ihrem rasch wachsenden Pool an Nicht-Berufsraumfahrern dieses Forschungsfeld bereichern oder verkomplizieren wird, ist eine Frage, die die kommenden Jahre beantworten müssen.