longevitywatch
Forschung · Herz & Gefäße

Atherosklerose von innen angreifen: Immuntherapie nimmt die gefährlichsten Zellen in Arterienwänden ins Visier

Redaktion LongevityWatch · 3. April 2026 · 2 min · English

Arterieller Plaque ist der stille Motor hinter den meisten Herzinfarkten und Schlaganfällen. Eine neue Studie in Science beschreibt eine gezielte Immuntherapie, die die gefährlichsten Zellen in atherosklerotischen Plaques identifiziert und angreift – mithilfe eines Proteins, das bislang ausschließlich in der Krebsbehandlung eingesetzt wird.

Atherosklerose beginnt unbemerkt: Fettpartikel lagern sich in Arterienwänden ab, das Immunsystem reagiert, und allmählich bildet sich ein Plaque. Jahrzehntelang galt dieser Plaque vor allem als passive Ansammlung von Cholesterin und abgestorbenen Zellen. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass Plaque ein dynamisches zelluläres Ökosystem ist – und dass einige der darin lebenden Zellen weit gefährlicher sind als andere.

Die in Science veröffentlichte Studie konzentriert sich auf eine bestimmte Untergruppe: modulierte glatte Gefäßmuskelzellen. Unter normalen Umständen halten diese Zellen die Arterienwände geschmeidig und stabil. Bei der Atherosklerose wechseln einige von ihnen in einen veränderten Zustand: Sie werden instabiler, fördern Entzündungen und sind kaum noch von Makrophagen zu unterscheiden, den Immunzellen, die den Plaque besiedeln. Diese Transformation macht Plaques anfällig für Rupturen, die wiederum die plötzlichen Blutgerinnsel auslösen, welche Herzinfarkte verursachen.

FAP: ein Krebs-Protein als trojanisches Pferd

Die Forschenden entdeckten, dass diese gefährlichen, transformierten Muskelzellen ein Protein namens FAP exprimieren – das Fibroblasten-Aktivierungsprotein. FAP ist kein unbekanntes Ziel: Onkologen arbeiten seit Jahren damit, um das Tumor-Stroma anzugreifen. Dass derselbe Marker auch in atherosklerotischen Plaques auftaucht, eröffnete einen unerwarteten therapeutischen Ansatz. Die Forschenden testeten eine FAP-gerichtete Immuntherapie in Mausmodellen und stellten fest, dass die Plaques stabiler wurden: weniger transformierte glatte Muskelzellen, weniger Entzündung und eine strukturell robustere Arterienwand.

Der Gedanke, onkologische Immuntherapie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nutzbar zu machen, ist vergleichsweise neu. Herzerkrankungen und Krebs werden üblicherweise als getrennte Bereiche behandelt, obwohl sie mehr zelluläre Mechanismen teilen, als lange angenommen wurde. Zellen, die sich transformieren, sich anders verhalten als sie eigentlich sollten, und Entzündungsprozesse antreiben – dieses Muster zeigt sich bei beiden Erkrankungen.

Was das für das Altern bedeutet

Atherosklerose ist im Kern eine Alterskrankheit. Die Häufigkeit steigt mit zunehmendem Alter stark an, und die meisten tödlichen Herz-Kreislauf-Ereignisse treffen Menschen über sechzig. Indem die Studie einen Zelltyp identifiziert, der zur Destabilisierung von Plaques beiträgt, eröffnet sie neue Möglichkeiten für frühe Eingriffe – weit über die Senkung von Cholesterin oder Blutdruck hinaus, hin zur gezielten Beeinflussung jener zellulären Transformationsprozesse, die Plaques überhaupt erst gefährlich machen.

Vorerst liegen die Ergebnisse nur aus Mausversuchen vor. Ob FAP-Expression in menschlichen Plaques dieselbe Rolle spielt und ob die Therapie sicher genug ist, um sie am Menschen zu erproben, sind die Fragen, die als nächstes beantwortet werden müssen. Doch der konzeptionelle Wandel selbst – weg vom Plaque als statischer Ablagerung, hin zu einer dynamischen Zellpopulation, die sich gezielt bekämpfen lässt – hat für das Forschungsfeld bereits grundlegende Bedeutung.

Originalartikel lesen

Was sagt die Evidenz dazu?
Wie verstopfen zu viel LDL oder ApoB die Arterien?
Verwandte Forschung
03 Aug
Darmprodukt TMAO erhöht das Vorhofflimmern-Risiko
01 Aug
Entzündungshemmung schützt das Herz nicht immer
31 Jul
Krebsmedikamente nachhaltig in Hefe hergestellt
Newsletter

Bleib auf dem Laufenden

Zweimal pro Woche die wichtigste Longevity-Forschung in deinem Postfach.