Beta-Glucan beruhigt das Immunsystem bei Darmerkrankungen
Das Immunsystem kann aus einer Infektion lernen und beim nächsten Mal schneller reagieren. Das klingt nützlich – doch bei chronischer Darmentzündung kann genau dieser Mechanismus die Krankheit verschlimmern.
Beta-Glucan ist ein Stoff, der in den Zellwänden von Pilzen und Getreidepflanzen vorkommt. Er gilt als Aktivator des angeborenen Immunsystems, der ersten Verteidigungslinie des Körpers. Beta-Glucan kann sogenannte trainierte Immunität auslösen: einen Prozess, bei dem sich Immunzellen nach einem ersten Kontakt dauerhaft verändern und anschließend stärker auf neue Reize reagieren. Bei Infektionen ist das hilfreich – bei chronischer Entzündung jedoch möglicherweise schädlich.
Die Studie, veröffentlicht in eLife, untersuchte die Wirkung von Beta-Glucan bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (IBD). Bei Mäusen mit experimentell ausgelöster Darmentzündung führte Beta-Glucan jedoch nicht zur erwarteten Verschlechterung. Stattdessen lenkte der Stoff eine bestimmte Art weißer Blutkörperchen, die sogenannten Monozyten, in eine andere Richtung. Monozyten sind frühe Immunzellen, die sich in verschiedene spezialisierte Zelltypen umwandeln können. Beta-Glucan veränderte diese Umwandlung so, dass die Entzündung nicht zu- sondern abnahm.
Trainierte Immunität: ein Mechanismus mit zwei Seiten
Trainierte Immunität bezeichnet die Fähigkeit angeborener Immunzellen, nach einem ersten Reiz anders zu reagieren. Das ist eine vergleichsweise neue Erkenntnis: Lange Zeit galt nur das adaptive Immunsystem mit seinen T- und B-Zellen als lernfähig. Inzwischen ist klar, dass auch Monozyten und andere frühe Immunzellen eine Art Gedächtnis entwickeln können. Dieses Gedächtnis unterscheidet sich von dem der T-Zellen: Es liegt nicht in der Erkennung spezifischer Krankheitserreger, sondern darin, wie Gene an- oder abgeschaltet werden.
Bei chronischen Erkrankungen wie IBD entsteht dadurch ein Problem. Ein aktiviertes angeborenes Immunsystem kann Entzündungen aufrechterhalten, selbst wenn keine Infektion vorliegt. Dass Beta-Glucan die Monozytendifferenzierung in diesem Kontext in eine weniger entzündungsfördernde Richtung lenkt, ist überraschend. Es deutet darauf hin, dass die Auswirkungen trainierter Immunität stärker vom jeweiligen Kontext abhängen, als bislang angenommen.
Was das bedeuten könnte
Beta-Glucan wird bereits als Nahrungsergänzungsmittel eingesetzt und ist Bestandteil von Debatten über Immunmodulation. Diese Studie liefert ein konkreteres mechanistisches Bild davon, wie der Stoff bei Darmentzündungen wirkt. Ob Beta-Glucan für Menschen mit IBD sicher und wirksam ist, muss in klinischen Studien geklärt werden. Doch der Befund, dass trainierte Immunität auch entzündungshemmende Wirkung entfalten kann, eröffnet neue Fragen darüber, wie sich das angeborene Immunsystem gezielt beeinflussen lässt.