Das biologische Alter per Speicheltest messen? So zuverlässig ist das wirklich
Immer mehr Menschen lassen ihr „biologisches Alter" durch kommerzielle Tests bestimmen -- ein Wangenabstrich hier, ein Blutstropfen dort. Die Ergebnisse versprechen Einblick darin, wie schnell man wirklich altert. Doch was sagt diese Zahl tatsächlich aus, und wie belastbar ist die Wissenschaft dahinter?
Die Beliebtheit von Tests zum biologischen Alter lässt sich leicht erklären. Das chronologische Alter -- die Anzahl der gelebten Jahre -- ist ein schlechter Indikator dafür, wie es jemand innerlich wirklich geht. Zwei Sechzigjährige können biologisch völlig unterschiedlich dastehen: Der eine hat Herz, Blutgefäße und Immunsystem eines Fünfzigjährigen, der andere die eines Siebzigjährigen. Wenn das Altern der mit Abstand größte Risikofaktor für nahezu jede schwere Erkrankung ist, wäre eine genaue Messung dieses Prozesses von enormem Wert.
Die am weitesten verbreitete Methode ist die epigenetische Uhr: ein Algorithmus, der Methylierungsmuster auf der DNA analysiert. Diese Muster verändern sich im Laufe des Lebens auf vorhersehbare Weise, und das Ausmaß, in dem sie vom erwarteten Muster abweichen, wird als „biologisches Alter" ausgedrückt. Bekannte Varianten sind die Horvath-Uhr sowie die neueren Modelle GrimAge und DunedinPACE.
Die Lücke zwischen Labor und klinischer Praxis
Das Problem: Diese Uhren wurden in bestimmten Bevölkerungsgruppen, unter bestimmten Bedingungen und anhand sorgfältig kontrollierter Proben entwickelt und validiert. Kommerzielle Tests verlangen von Verbrauchern, selbst einen Wangenabstrich einzuschicken oder einen Blutstropfen auf Papier zu trocknen -- Methoden, die anfällig für Schwankungen bei der Probenentnahme, beim Transport, der Temperatur und der Verarbeitungszeit sind. Schon kleine technische Unterschiede können messbar abweichende Ergebnisse liefern.
Hinzu kommt, dass epigenetische Uhren nur eine einzige Dimension eines vielschichtigen Prozesses erfassen. Altern findet gleichzeitig auf der Ebene von Chromosomen, Mitochondrien, Proteinen, Metaboliten, dem Immunsystem und vielem mehr statt. Ein Methylierungsprofil bildet nur einen Teil dieser Komplexität ab. Zwei Personen mit identischen Uhrenwerten können dabei sehr unterschiedliche Gesundheitsprofile aufweisen.
Was diese Zahl aussagt -- und was nicht
Die Autoren der Analyse auf Lifespan.io lehnen die Messung des biologischen Alters nicht grundsätzlich ab -- sie warnen vielmehr davor, eine Gewissheit zu verkaufen, die die Wissenschaft noch nicht liefern kann. Die Uhren sind auf Gruppenebene statistisch interessant und als Forschungswerkzeug nützlich. Als persönliches Diagnoseinstrument jedoch, erst recht im Direkt-zu-Verbraucher-Bereich, bleibt ihr Vorhersagewert für den einzelnen Menschen ungewiss.
Der Vergleich mit Horoskopen ist provokant, aber nicht völlig unzutreffend. Beide bieten eine Erzählung, die überzeugend klingt und für den Nutzer schwer zu widerlegen ist. Der Unterschied besteht darin, dass die Branche rund um das biologische Alter wissenschaftliche Sprache verwendet, was die Erwartungen in die Höhe treibt und die Enttäuschung vertieft, wenn ein Test seine Versprechen nicht einlöst.