Ein Protein, zwei Herzerkrankungen: Haben Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz dieselbe Ursache?
Jahrzehntelang galten Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz als völlig eigenständige Erkrankungen. Neue Forschungsergebnisse stellen diese Annahme infrage: Beide Zustände könnten auf denselben biologischen Defekt zurückgehen – den Mangel an einem einzigen Protein.
Bei dem Protein handelt es sich um TBX5, einen Transkriptionsfaktor – im Wesentlichen ein Hauptschalter, der steuert, welche Gene in Herzmuskelzellen an- oder abgeschaltet werden. Sinkt die Expression von TBX5, kann das Herz auf zwei verschiedene Arten versagen: Die Vorhöfe beginnen möglicherweise unregelmäßig zu schlagen, oder die Pumpfunktion des Herzens nimmt allmählich ab. Welcher Verlauf eintritt, hängt wahrscheinlich von zusätzlichen genetischen und umweltbedingten Faktoren ab – doch nach aktuellem Forschungsstand könnte der auslösende Mechanismus in beiden Fällen identisch sein.
Das klingt zunächst nach einer technischen Feinheit, doch die Konsequenzen wären weitreichend. Zusammen betreffen Vorhofflimmern und Herzinsuffizienz weltweit Hunderte Millionen Menschen, und die bisherigen Behandlungsansätze unterscheiden sich grundlegend. Vorhofflimmern wird mit Antikoagulanzien, rhythmuskontrollierenden Medikamenten oder Ablation behandelt – dabei werden gezielt kleine Bereiche des Herzgewebes verödet, um fehlerhafte elektrische Signale zu unterbrechen. Herzinsuffizienz hingegen wird mit ACE-Hemmern, Betablockern und Diuretika therapiert. Haben beide Erkrankungen denselben molekularen Ursprung, könnte eine auf TBX5 ausgerichtete Therapie möglicherweise beide zugleich ansprechen.
Das Problem mit Transkriptionsfaktoren als Angriffsziel
TBX5 reguliert eine Vielzahl nachgelagerter Gene und ist damit ein zentraler Knotenpunkt in der Zellbiologie des Herzens – gleichzeitig aber auch ein bekanntermaßen schwieriges Ziel für Medikamente. Die meisten Wirkstoffe entfalten ihre Wirkung, indem sie an einen spezifischen Rezeptor oder ein Enzym mit klar definierter Bindungsstelle andocken. Transkriptionsfaktoren verfügen typischerweise nicht über eine solche zugängliche Struktur, weshalb sie sich bisher pharmakologischen Eingriffen weitgehend entzogen haben. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob TBX5 tatsächlich die gemeinsame Ursache ist, sondern ob dieses Wissen in eine praxistaugliche Therapie überführt werden kann.
Die Forschenden weisen darauf hin, dass der Rückgang der TBX5-Expression selbst eine Folge des Alterns sein könnte – es ist gut belegt, dass sich die Genexpression in Herzmuskelzellen mit zunehmendem Alter verschiebt. Damit fügen sich die Befunde in einen übergeordneten Rahmen altersbedingten Organabbaus ein und legen nahe, dass beide Erkrankungen zumindest teilweise Ausdruck biologischer Alterungsprozesse sind und nicht allein eigenständige Krankheitsbilder.
Zwei Diagnosen, eine Erkrankung?
Die Forschenden plädieren nicht dafür, beide Zustände diagnostisch zusammenzuführen, fordern aber ein Umdenken in der Behandlungsstrategie. Wenn die zugrunde liegende Pathologie geteilt ist, könnte es sinnvoller sein, weiter oben in der biologischen Kaskade anzusetzen – früher und gezielter –, anstatt die Symptome jeder Erkrankung weiterhin isoliert zu managen. Ob das umsetzbar ist, hängt von künftiger Forschung ab: wie die Expression von TBX5 reguliert wird und ob sie sich wiederherstellen lässt, sobald sie einmal abgenommen hat. Diese Fragen sind derzeit noch offen.