Eine beliebte Anti-Aging-Behandlung schädigt Gehirnzellen bei Mäusen
Dasatinib und Quercetin, die in Longevity-Kreisen am häufigsten eingesetzte senolytische Kombination, verursacht bei Mäusen Schäden in bestimmten Hirnregionen, die dem Schadensbild der Multiplen Sklerose auffallend ähneln. Die Befunde werfen unbequeme Fragen über eine Behandlung auf, die bereits Tausende von Menschen anwenden.
Senolytika sind Wirkstoffe, die darauf ausgelegt sind, sogenannte „Zombiezellen" zu beseitigen – seneszente Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber auch nicht absterben und stattdessen entzündliche Signalmoleküle ausschütten, die das umliegende Gewebe schädigen. Die Kombination aus Dasatinib, einem Krebsmedikament, und Quercetin, einem pflanzlichen Antioxidans, ist das am intensivsten erforschte senolytische Wirkstoffpaar und hat sich in der Selbstexperimentiergemeinschaft zu einer festen Größe entwickelt. Die Logik schien schlüssig: beschädigte Zellen beseitigen, Entzündungen reduzieren, das Altern verlangsamen. Eine im April 2026 veröffentlichte Studie stellt dieses Bild nun erheblich infrage.
Forscher stellten fest, dass die Behandlung bei Mäusen gezielt Stammzellen im Gehirn angreift, die für die Produktion von Myelin zuständig sind – der Schutzschicht um Nervenfasern, die eine effiziente Signalübertragung ermöglicht. Werden diese Stammzellen im Zuge der senolytischen Wirkung eliminiert, verliert das Gehirn einen entscheidenden Reparaturmechanismus. Die daraus resultierenden Schäden ähneln strukturell den Läsionen, die bei Patienten mit Multipler Sklerose beobachtet werden. Mit diesem Befund hatte niemand gerechnet.
Nicht alle alten Zellen sind der Feind
Das grundlegende Problem ist die fehlende zelluläre Selektivität. Senolytika unterscheiden nicht zwischen schädlichen Zombiezellen und solchen, die noch nützliche Aufgaben erfüllen. Im Gehirn scheinen Oligodendrozyten-Vorläuferzellen – die Zellen, die Myelin erzeugen – besonders anfällig zu sein. Werden sie als Kollateralschaden durch die Behandlung beseitigt, nimmt die Selbstreparaturfähigkeit des Gehirns ab. Das ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie ein Eingriff in einen biologischen Prozess unbeabsichtigt einen anderen stören kann.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass beim Menschen dieselben Schäden auftreten. Mausmodelle sind nur bedingt auf die menschliche Biologie übertragbar, und die in Tierstudien verwendeten Dosen entsprechen nicht immer dem, was Menschen tatsächlich einnehmen. Doch die Befunde fügen einer Liste von Unbekannten, auf die Forscher seit Jahren hinweisen, ein konkretes neurologisches Risiko hinzu. Dasatinib ist ein potentes Chemotherapeutikum mit bekannten Nebenwirkungen – es wurde nie als Nahrungsergänzungsmittel konzipiert. Dass es als solches eingesetzt wird, häufig ohne ärztliche Aufsicht, ist für sich genommen bereits ein Grund zur Vorsicht.
Eine offene Frage, die keine Zeit lässt
Klinische Studien untersuchen senolytische Behandlungen für spezifische Erkrankungen wie Nierenfibrose und Long-COVID-Symptome – mit sorgfältig überwachter Dosierung und klar definierten Patientengruppen. Für gesunde Menschen, die diese Wirkstoffe prophylaktisch einnehmen in der Hoffnung, das Altern aufzuhalten, bevor eine Erkrankung entsteht, ist die Evidenzbasis zur Langzeitsicherheit nach wie vor dünn. Die neuen Gehirnbefunde machen diese Lücke noch dringlicher. Ob ähnliche Effekte beim Menschen auftreten, bei welchen Dosen und nach welcher kumulativen Exposition – diese Fragen hat die Forschung noch nicht beantwortet. Das Interesse an Senolytika wächst derweil schneller als die Wissenschaft.