Gibt es einen Zusammenhang zwischen deinen Hormonen und dem Demenzrisiko im späteren Leben?
Es gibt belastbare Hinweise, dass Schilddrüsen-, Geschlechts- und Stresshormone alle zum Demenzrisiko beitragen, doch kausale Belege fehlen weitgehend.
Schilddrüsenhormone spielen eine klar nachweisbare Rolle. Menschen mit einer Schilddrüsenunterfunktion haben rund 40 % höhere Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken als Betroffene ohne diese Erkrankung. Bemerkenswert: Dieses erhöhte Risiko bleibt bestehen, selbst wenn die Schilddrüsenwerte durch Medikamente (T4) normalisiert werden. Gleichzeitig deutet eine große Beobachtungsstudie darauf hin, dass Menschen, die neben T4 auch das aktivere Hormon T3 erhalten, ein um 27 bis 31 % geringeres Demenzrisiko haben als jene, die nur T4 bekommen. Ein ursächlicher Zusammenhang ist damit noch nicht belegt, dennoch ist der Befund für Menschen, die bereits wegen einer Schilddrüsenunterfunktion behandelt werden, durchaus relevant. Auch eine leichte Schilddrüsenüberfunktion ohne ausgeprägte Beschwerden scheint das Risiko zu erhöhen: Neun große Folgestudien mit knapp 50.000 Teilnehmenden zeigen im Schnitt ein um 38 % erhöhtes Demenzrisiko.
Bei Frauen könnte der Östrogenabfall rund um die Wechseljahre eine Rolle spielen. Frauen erkranken doppelt so häufig an Alzheimer wie Männer, und es gibt Hinweise, dass der Zeitpunkt einer Hormonersatztherapie entscheidend ist. Wer kurz nach der Menopause damit beginnt, scheint davon zu profitieren; wer erst im höheren Alter oder bereits mit kognitiven Beschwerden startet, geht möglicherweise ein erhöhtes Risiko ein. Genetische Veranlagung und Herz-Kreislauf-Gesundheit färben dieses Bild zusätzlich. Auf Basis der verfügbaren Forschung lässt sich keine allgemeingültige Empfehlung für alle Frauen ableiten.
Bei Männern ist ein hoher Spiegel an freiem Testosteron, also dem aktiven, ungebundenen Anteil, mit deutlich weniger Demenz verbunden: 37 % geringeres Risiko für Demenz insgesamt und sogar 51 % weniger für Alzheimer, wie eine Studie mit über 186.000 Männern zeigt. Umgekehrt hängt ein hoher Spiegel des Sexualhormon-bindenden Globulins (SHBG) mit einem erhöhten Demenzrisiko zusammen, und zwar bei Männern ebenso wie bei Frauen nach den Wechseljahren. Dieses Protein macht Testosteron für das Gehirn weniger verfügbar, was die erhöhten Risiken zum Teil erklären könnte. Es handelt sich um Beobachtungszusammenhänge; ob eine Testosteronergänzung tatsächlich schützt, ist bislang nicht untersucht.
Stresshormone bei Depressionen sowie Fettgewebshormone bei Übergewicht wurden ebenfalls mit einem erhöhten Demenzrisiko in Verbindung gebracht. Eine Depression in jüngeren oder mittleren Jahren mehr als verdoppelt das Risiko, später an Demenz zu erkranken. Chronisch erhöhte Stresshormone können das Gedächtniszentrum im Gehirn schädigen. Bei Übergewicht ist der Hormonhaushalt des Fettgewebes gestört, doch ob diese Hormone selbst die Ursache sind oder lediglich mit anderen Risikofaktoren einhergehen, ist noch unklar. Diabetesmedikamente wie SGLT2-Hemmer und der GLP-1-Agonist Dulaglutid zeigen im Vergleich untereinander bislang keinen signifikanten Unterschied beim Demenzrisiko; ob neuere Wirkstoffe dieser Klasse das ändern, bleibt abzuwarten.
Die Befunde basieren auf Beobachtungs- und retrospektiven Kohortenstudien sowie Metaanalysen. Keiner der Zusammenhänge ist kausal belegt; für die meisten untersuchten Einflussfaktoren fehlt der Nachweis von Ursächlichkeit. Am stärksten untermauert sind die Schilddrüsen-Demenz-Zusammenhänge, die auf großen Kohorten und Metaanalysen beruhen. Die Testosteron- und SHBG-Daten stammen aus einer einzigen großen UK-Biobank-Studie. Die Östrogenforschung zeigt konsistent gemischte Ergebnisse. Leptin, Adiponectin und Glukokortikoide sind ausschließlich epidemiologisch belegt.