Diabetes und Demenz sind stärker miteinander verknüpft als bisher angenommen
Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Demenzrisiko. Doch die Beziehung ist keine Einbahnstraße: Beide Erkrankungen verstärken sich gegenseitig über gemeinsame Mechanismen im Gehirn.
Eine neue Übersichtsarbeit identifiziert zehn Verbindungen zwischen den beiden Erkrankungen – darunter Störungen der Energieversorgung des Gehirns, erhöhte Entzündungsaktivität sowie Schäden an den Kleingefäßen, die an der Gedächtnisverarbeitung beteiligt sind. Die Forschenden argumentieren, dass die Überschneidungen tiefer reichen als bisher erkannt.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Insulinresistenz – also die verminderte Empfindlichkeit der Zellen gegenüber Insulin. Gehirnzellen sind auf eine stabile Glukoseversorgung angewiesen. Wird diese gestört, können Neuronen weniger effizient arbeiten. Chronisch erhöhter Blutzucker scheint zudem direkte Schäden an zerebrovaskulären Strukturen zu verursachen und erhöht damit das Risiko für vaskuläre Demenz.
Können Diabetesmedikamente das Gehirn schützen?
Ein bemerkenswerter Befund der Übersichtsarbeit: Einige weit verbreitete Diabetesmedikamente könnten das Demenzrisiko senken. Die Forschenden verweisen auf Hinweise, wonach bestimmte blutzuckerregulierende Wirkstoffe auch entzündliche Prozesse im Gehirn dämpfen können. Es handelt sich dabei um Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien, nicht um Kausalitätsbelege.
Dennoch eröffnen sich damit neue Ansätze für die Präventionsforschung. Wenn dieselben molekularen Signalwege, die Diabetes antreiben, auch den kognitiven Abbau beeinflussen, könnte eine frühzeitige Behandlung von Blutzuckerproblemen den Beginn einer Demenz möglicherweise hinauszögern. Die Forschenden bezeichnen dies als vielversprechend, betonen jedoch, dass randomisierte Studien noch ausstehen.
Zwei Seiten derselben Medaille
Die Arbeit zeigt außerdem, dass Demenz selbst den Stoffwechsel beeinflussen kann. Menschen mit kognitivem Abbau ernähren sich häufig anders, bewegen sich weniger und können schneller in eine Abwärtsspirale geraten. Die Kausalität verläuft also in beide Richtungen. Das erschwert zwar die Frage, welche Erkrankung die andere antreibt, erhöht aber den klinischen Handlungsdruck, beide gemeinsam zu behandeln.
Aus einer Longevity-Perspektive ist dies besonders relevant, weil Insulinresistenz und chronische niedriggradige Entzündung (Inflammaging) zu den meistuntersuchten Alterungsmechanismen zählen. Ihre Überschneidung mit dem Demenzrisiko stützt die These, dass die Stoffwechselgesundheit in der Lebensmitte die kognitive Gesundheit im Alter teilweise mitbestimmt.