Früherkennung von Krebs aus routinemäßig entnommenen Blutröhrchen: näher als gedacht
Die Krebsfrüherkennung per Bluttest – die sogenannte Liquid Biopsy – gilt als eine der vielversprechendsten Entwicklungen in der Präventivmedizin. Bislang erforderte sie speziell entwickelte Abnahmeröhrchen und strenge Protokolle. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Restblut aus gewöhnlichen Krankenhausröhrchen ebenso gut geeignet sein könnte.
Eine Liquid Biopsy sucht im Blut nach zellfreier DNA – kleinen Bruchstücken genetischen Materials, die beim Absterben von Zellen freigesetzt werden. Tumorzellen geben mehr DNA ab als gesunde Zellen, und diese Tumor-DNA trägt charakteristische Mutationen. Lässt sie sich in einer Blutprobe nachweisen, kann Krebs theoretisch erkannt werden, lange bevor ein Knoten tastbar oder ein Tumor in der Bildgebung sichtbar ist.
Das Problem mit den richtigen Röhrchen
Die meisten Liquid-Biopsy-Studien verwenden speziell entwickelte Blutabnahmeröhrchen – EDTA-Röhrchen oder sogenannte Streck-Röhrchen –, die zellfreie DNA während der Aufbereitung stabilisieren. Diese Röhrchen sind teurer, erfordern eine besondere Handhabung und sind nicht überall verfügbar. Im klinischen Alltag wird Blut für biochemische Analysen hingegen in Heparin-Separationsröhrchen abgenommen. Das dabei anfallende Restplasma wird in der Regel verworfen.
Eine in eLife veröffentlichte Studie untersuchte, ob dieses Restplasma für die Analyse zellfreier DNA genutzt werden kann. Gesunde Probanden spendeten gleichzeitig Blut in mehrere Röhrchentypen, anschließend wurden Qualität und Menge der gewonnenen DNA verglichen. Das Ergebnis: Heparin-Restplasma lieferte vergleichbare Mengen und eine vergleichbare Qualität zellfreier DNA wie die Spezialröhrchen – vorausgesetzt, die Aufbereitung erfolgte innerhalb eines vertretbaren Zeitfensters.
Vom Forschungsprotokoll in die klinische Praxis
Die Konsequenzen sind erheblich. Krankenhäuser verarbeiten täglich Tausende von Blutröhrchen für Routinelaboruntersuchungen. Wenn das Restplasma aus diesen Röhrchen für DNA-Analysen genutzt werden könnte, wäre eine Krebsfrüherkennung ohne zusätzliche Blutentnahme, ohne Spezialröhrchen und ohne logistischen Mehraufwand möglich. Liquid Biopsies würden damit deutlich zugänglicher – auch für Krankenhäuser mit begrenzten Ressourcen.
Das ist die Theorie. Die Praxis verlangt weitere Validierung: größere Kohorten, Patienten mit gesicherter Tumordiagnose sowie den Vergleich mit etablierter Bildgebung und Gewebebiopsien. Leitlinien dazu, wie lange Restplasma verwendbar bleibt und wie die Aufbereitung standardisiert werden sollte, fehlen noch. Doch die Datenlage verschiebt sich: Die Hürde für den breiten Einsatz der Liquid Biopsy muss womöglich nicht so hoch sein wie bislang angenommen.