Gefäßmuskel wird zum Treibstoff der Plaque
Arteriosklerose wächst zum Teil durch einen überraschenden Mechanismus. Glatte Muskelzellen der Gefäßwand wechseln ihre Identität und beginnen, sich wie Immunzellen zu verhalten – und beschleunigen so das Wachstum der Verengung von innen heraus.
Arteriosklerose ist die weltweit häufigste Todesursache. Eine Plaque ist im Kern eine Ansammlung abgestorbener Immunzellen, Fettpartikel und Bindegewebe in der Gefäßwand. Was lange unterschätzt wurde: Auch glatte Muskelzellen der Blutgefäße tragen aktiv zu diesem Wachstum bei. Sie verwandeln sich von kontraktilen Zellen, die den Blutdruck regulieren, in Zellen, die Makrophagen – jenen Immunzellen, die die Plaque eigentlich abräumen sollen – täuschend ähnlich sehen. Die Forschenden beschreiben dies als eine Form zellulärer Umprogrammierung, angetrieben durch das toxische Milieu im Inneren der Plaque.
Ein sich selbst verstärkender Wachstumsmechanismus
Die umgewandelten Muskelzellen verhalten sich nicht wie gesunde Makrophagen: Sie räumen die Plaque nicht ab, sondern fügen der wachsenden Ablagerung weitere Masse hinzu. Zudem schütten sie Entzündungssignale aus, die weitere Immunzellen anlocken. Damit handelt es sich um einen sich selbst verstärkenden Prozess – weshalb Vergleiche mit Tumorwachstum nicht völlig abwegig sind.
Moderne Verfahren wie Single-Cell-Omics (die Analyse einzelner Zellen) haben gezeigt, dass dieses Verhalten stärker variiert als bisher bekannt. Manche Muskelzellen entwickeln ein fibroblastenähnliches Profil (Bindegewebszelle), andere ein Makrophagen-Profil. Diese Vielfalt bestimmt zu einem erheblichen Teil, ob eine Plaque stabil bleibt oder reißt – denn ein Riss ist die unmittelbare Ursache eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls.
Konsequenzen für die Therapie
Der Review, der im Rahmen laufender kardiovaskulärer Forschung veröffentlicht wurde, diskutiert Strategien, um diese zelluläre Umwandlung zu hemmen. Dazu gehören Medikamente, die die molekularen Signale blockieren, welche den Umschaltvorgang auslösen, sowie Nanotechnologie, die gezielt Wirkstoffe in die Plaque transportiert. Große klinische Studien, die belegen, dass eine Hemmung dieser Umwandlung tatsächlich Herzinfarkte verhindert, fehlen noch. Die Befunde sind vorerst ein vielversprechender Ausgangspunkt für künftige Forschung.
Der Bezug zum Altern liegt auf der Hand: Plaque-Wachstum nimmt mit dem Alter zu, und die Fähigkeit der Zellen, ihre normale Identität zu bewahren, lässt nach. Zu verstehen, warum glatte Muskelzellen ihren Charakter verändern, bedeutet auch zu verstehen, warum das alternde Herz anfälliger wird.
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