Nacktmulle altern jahrzehntelang, ohne dass sich ihre Darmbakterien verändern – ein fast einzigartiges Phänomen
Bei den meisten Säugetieren verändert sich die Gemeinschaft der Darmbakterien im Laufe des Lebens erheblich. Nacktmulle, die trotz ihrer Mausgröße bis zu dreißig Jahre alt werden, zeigen davon kaum eine Spur. Forschende wollen wissen, warum.
Der Nacktmull hat sich zu einem der meistuntersuchten Tiere der Alternsforschung entwickelt. Dieser kleine, haarlose Nager aus Ostafrika lebt etwa zehnmal länger als gleichgroße Mäuse, erkrankt so gut wie nie an Krebs und bleibt bis ins hohe Alter körperlich leistungsfähig. Im Laufe der Jahre haben Forschende eine ganze Reihe ungewöhnlicher Eigenschaften dokumentiert: eine besonders effiziente Proteinproduktion, seneszente Zellen, die weit weniger schädliche Substanzen ausschütten als bei anderen Säugetieren, sowie eine bemerkenswerte Unempfindlichkeit gegenüber Schmerz und Sauerstoffmangel.
Eine neue Studie fügt dieser Liste einen weiteren Punkt hinzu: Die Zusammensetzung des Darmmikrobioms bleibt bei Nacktmullen über die gesamte Lebensspanne hinweg bemerkenswert stabil. Bei Mäusen, Menschen und anderen Säugetieren sind altersbedingte Verschiebungen der Darmbakterien gut belegt – die Vielfalt nimmt ab, bestimmte Stämme werden über- oder unterrepräsentiert, und diese Veränderungen stehen in Zusammenhang mit chronischer Entzündung, Immunfehlfunktionen und Stoffwechselproblemen. Nacktmulle scheinen von diesem Muster weitgehend ausgenommen zu sein.
Ursache oder Zufall?
Die entscheidende Frage lautet, ob die Mikrobiomstabilität aktiv zur außergewöhnlichen Langlebigkeit des Nacktmulls beiträgt oder ob beide Phänomene schlicht Ausdruck derselben biologischen Grundlagen sind. Diese Unterscheidung ist von großer Bedeutung. Wenn ein stabiles Darmmikrobiom gesundes Altern tatsächlich begünstigt, eröffnet das mögliche Ansatzpunkte für den Menschen – etwa gezielte Probiotika, Ernährungsstrategien oder Mikrobiomtransplantationen mit dem Ziel, ein jugendlicheres Bakterienprofil zu erhalten. Handelt es sich hingegen lediglich um ein Begleitphänomen tieferliegender Mechanismen, ist der praktische Nutzen deutlich begrenzter.
Die Sachlage wird dadurch erschwert, dass Nacktmulle in streng organisierten unterirdischen Kolonien leben, vergleichsweise wenigen Umweltbelastungen ausgesetzt sind, die bei oberirdischen Tieren die Darmflora typischerweise durcheinanderbringen, und eine spezifische Ernährung haben. Den eigenständigen Beitrag des Mikrobioms zu isolieren ist methodisch schwierig, wenn sich so viele andere Variablen gleichzeitig unterscheiden.
Ein lebendiger Gegenentwurf zum üblichen Altern
Der wissenschaftliche Wert des Nacktmulls liegt nicht darin, dass Forschende seine Biologie direkt auf den Menschen übertragen wollen. Vielmehr bietet das Tier ein lebendiges Gegenbeispiel – ein Säugetier, das Altern grundlegend anders vollzieht und dazu genutzt werden kann, Hypothesen zu testen, die sich experimentell sonst kaum angehen lassen.
Die Beobachtung, dass ein langlebiges Tier ein stabiles Mikrobiom aufrechterhalten kann, fügt sich in ein übergeordnetes Muster ein. Andere Eigenschaften, die mit dem Nacktmull assoziiert sind – geringe systemische Entzündung, ein robustes Immunsystem, Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Hintergrundschwund, der normales Altern kennzeichnet – decken sich allesamt mit dem, was auch beim Menschen mit gesünderem Altern in Verbindung gebracht wird. Ob das Mikrobiom dabei ein treibender Faktor oder lediglich ein Marker ist, bleibt noch offen.