Nicht Methionin, sondern Cystein verlängert das Leben
Jahrzehntelang galt eine bestimmte Aminosäure als Schlüssel zur Lebensverlängerung durch Diät. Eine neue Studie dreht diese Annahme um – und zeigt, dass eine andere Aminosäure die entscheidende Rolle spielt.
Methionin-Restriktion steht seit Jahren im Fokus der Forschung. Diäten mit sehr wenig dieser Aminosäure scheinen die Lebensspanne von Labortieren zu verlängern. Einer neuen Studie zufolge ist dieser Schluss jedoch nicht ganz korrekt. Die Autoren argumentieren, dass tatsächlich die Einschränkung von Cystein den Unterschied macht.
Die Logik dahinter: Methionin und Cystein sind die einzigen schwefelhaltigen Aminosäuren in Proteinen. Eine methioninarm Diät enthält fast immer auch wenig Cystein. Zudem nutzt der Körper Methionin, um Cystein herzustellen. Dadurch lassen sich die Effekte beider Aminosäuren in Tierversuchen kaum voneinander trennen. Die Forschenden umgingen dieses Problem mit genetisch veränderten Tieren, bei denen die Umwandlung von Methionin in Cystein blockiert war.
Cystein als eigentlicher Wirkstoff
Bei diesen Tieren trat der schützende Stoffwechseleffekt nur dann auf, wenn der Cysteingehalt niedrig war – nicht schon allein durch einen niedrigen Methioningehalt. Cystein besitzt eine besondere chemische Eigenschaft: Als einzige schwefelhaltige Aminosäure trägt es eine Thiolgruppe und ist damit zentral für die Redox-Signalgebung (das Gleichgewicht zwischen Oxidation und antioxidativer Aktivität in den Zellen), die Produktion von Glutathion – einem wichtigen Antioxidans – sowie den Transport von Coenzym A, einem Schlüsselmolekül im Energiestoffwechsel.
Ein niedriger Cysteingehalt aktivierte zudem eine Stressreaktion im Zentralnervensystem. Diese löste das sympathische Nervensystem aus und förderte die Fettverbrennung über das braune Fettgewebe – jene Fettzellen, die Wärme erzeugen, anstatt Energie zu speichern. Diese Reaktionen ähneln denen, die bei einer allgemeinen Kalorienrestriktion beobachtet werden.
Bedeutung für die Longevity-Forschung
Wenn Cystein tatsächlich der entscheidende Hebel ist, müssen Ergebnisse der Ernährungsforschung neu bewertet werden. Pflanzenbasierte Diäten enthalten tendenziell weniger schwefelhaltige Aminosäuren – was teilweise erklären könnte, warum manche Studien für sie günstige Effekte berichten. Ob eine gezielte Cystein-Restriktion beim Menschen praktikabel und unbedenklich ist, wurde bislang nicht untersucht.
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