Warum das Immunsystem von Frauen häufiger den eigenen Körper angreift
Etwa 80 Prozent aller Autoimmunerkrankungen betreffen Frauen. Eine neue Studie verweist auf einen Unterschied, der lange vor jeder Erkrankung entsteht: in dem Organ, in dem Immunzellen heranreifen.
Bei Autoimmunerkrankungen richtet das Immunsystem sich gegen körpereigenes Gewebe. Dass Frauen unverhältnismäßig häufig betroffen sind, gilt als gesichert, doch der zugrundeliegende Mechanismus war bislang nicht geklärt. Die Forschenden untersuchten T-Zell-Rezeptoren (TCRs) – Proteine, die Immunzellen dabei helfen, Körpereigenes von Körperfremdem zu unterscheiden – in Thymusgewebe männlicher und weiblicher Organspender. Der Thymus ist das Organ, in dem T-Zellen ausreifen und lernen, körpereigene Strukturen zu tolerieren.
Der zentrale Befund: Effektive T-Zellen von Frauen trugen deutlich mehr TCRs, die auf körpereigene Strukturen abzielen, die mit Autoimmunität in Verbindung stehen. Gleichzeitig wiesen regulatorische T-Zellen (Tregs) von Frauen, die Immunreaktionen dämpfen, weniger solcher Rezeptoren auf. Dieses Ungleichgewicht könnte erklären, warum das Immunsystem von Frauen häufiger körpereigenes Gewebe angreift.
Thymische Selektion als möglicher Mechanismus
Der Unterschied war spezifisch für TCRs, die auf körpereigene, mit Autoimmunität verknüpfte Strukturen gerichtet sind, nicht jedoch für jene, die Krebszellen oder Viren erkennen. Als mögliche Erklärung führen die Forschenden an, dass AIRE – ein Regulator, der dem Thymus hilft, Toleranz gegenüber körpereigenen Strukturen aufzubauen – bei Frauen geringer ausgeprägt ist und so die Selektion dieser Rezeptoren während der Reifung beeinflussen könnte.
Bedeutung für das Altern und für Krankheiten
Autoimmunerkrankungen werden mit zunehmendem Alter häufiger und sind damit auch für die Longevity-Forschung relevant. Chronische Autoimmunaktivität trägt zum sogenannten Inflammaging bei, einer dauerhaften Entzündung im Niedriggradbereich, die mit beschleunigtem biologischem Altern einhergeht. Dass dieser Geschlechterunterschied bereits auf der Ebene der T-Zell-Reifung angelegt ist, wirft neue Fragen zur Prävention und zu frühen Interventionen auf.
Die in eLife veröffentlichte Studie basiert auf Gewebeanalysen von Spendern und beschreibt einen Zusammenhang. Wie dieser Geschlechterunterschied das Autoimmunrisiko im Alltag konkret beeinflusst, muss die Forschung noch zeigen.
Suchbegriffe zur Vertiefung: T cell receptor thymic selection sex differences, AIRE autoimmunity regulatory T cells, inflammaging autoimmune disease ageing