Warum Menschen so unterschiedlich altern, ist weitgehend ungeklärt
Manche Menschen erreichen in vergleichsweise guter Gesundheit das hundertste Lebensjahr. Andere bauen bereits mit siebzig rapide ab. Ein neues Übersichtswerk geht der Frage nach, warum das so ist – und die Antwort ist komplizierter, als die meisten Alternsforschungsstudien vermuten lassen.
Das Review beleuchtet den aktuellen Kenntnisstand zu den biologischen Mechanismen, die individuelle Unterschiede in der Lebensspanne antreiben. Es wertet genetische Variation, epigenetische Uhren, Immunfunktion, mitochondriale Effizienz und die Rate, mit der sich DNA-Schäden ansammeln, aus. All diese Faktoren tragen zum Bild bei. Keiner von ihnen erklärt es vollständig.
Eine der zentralen Beobachtungen des Reviews lautet, dass Hundertjährige zwar länger leben, aber nicht vom Altern verschont bleiben. Sie durchlaufen dieselben Prozesse des biologischen Abbaus wie alle anderen – nur später oder langsamer. Das macht ihre Biologie zu einem interessanten Referenzpunkt. Einen Bauplan für eine radikale Lebensverlängerung liefert sie jedoch nicht.
Erblichkeit erklärt nur einen Teil der Variation
Die Forschenden stellen fest, dass Erblichkeit etwa 25 Prozent der Variation in der Lebensspanne ausmacht. Der Rest geht auf Umweltfaktoren, molekulare Stochastizität und Wechselwirkungen zwischen beiden zurück. Diese stochastische Komponente ist bedeutsam: Zwei Menschen mit identischen Genen und Lebensgewohnheiten können dennoch erheblich voneinander abweichen, was das Tempo des zellulären Alterns betrifft.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der epigenetischen Variation – also Veränderungen darin, wie Gene an- oder abgeschaltet werden, ohne dass die zugrundeliegende DNA-Sequenz verändert wird. Diese Variation nimmt mit dem Alter zu und unterscheidet sich zwischen Individuen erheblich. Sie gehört zu den vielversprechendsten Markern zur Messung des biologischen Alters.
Die Gefahr, die Messlatte zu niedrig anzusetzen
Das Review schließt mit einem pointierten Argument. Hundertjährige als Zielgruppe der Langlebigkeitsforschung zu wählen, setzt die Latte zu niedrig. Hundertjährige sind alt und gebrechlich. Sie leben länger, aber nicht unbedingt besser. Die Autoren plädieren dafür, das Ziel höher zu stecken: nicht darum, nachzuvollziehen, wie manche Menschen im körperlichen Abbau länger überleben, sondern darum zu verstehen, wie der Abbau selbst verlangsamt oder verhindert werden kann.