Das alternde Immunsystem verliert auf mehreren Fronten
Das Immunsystem tut weit mehr als Infektionen bekämpfen. Es erhält Gewebe, beseitigt geschädigte Zellen und hält Krebs in Schach. Mit zunehmendem Alter gehen all diese Funktionen gleichzeitig verloren.
Ein umfassender Übersichtsartikel, veröffentlicht im International Journal of Molecular Sciences, fasst den aktuellen Wissensstand darüber zusammen, wie sich das Immunsystem im Laufe des Lebens verändert. Es geht dabei um weit mehr als eine schlichte Bilanz sinkender Zellzahlen. Im Spiel sind strukturelle Veränderungen in Organen, Verschiebungen in den Zellpopulationen und eine chronische, unterschwellige Entzündung, die Forschende als Inflammaging bezeichnen.
Die Studie beschreibt, wie Thymus, Knochenmark, Milz und Lymphknoten mit der Zeit schrumpfen oder sich verschlechtern. Der Thymus steht dabei im Mittelpunkt. Er bildet neue T-Zellen heran, eine Art weißer Blutkörperchen, die spezifische Bedrohungen erkennen. Wenn der Thymus schrumpft, bricht die Produktion frischer, unerfahrener T-Zellen stark ein. Was bleibt, ist ein Bestand älterer, erschöpfter Zellen, die auf neue Infektionen weniger flexibel reagieren.
Chronische Entzündung als Begleiterscheinung
Parallel zu diesem Nachlassen der Immunabwehr nimmt die Hintergrundentzündung zu. Gealterte Immunzellen setzen kontinuierlich geringe Mengen entzündlicher Botenstoffe frei. Dieses Inflammaging ist mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, kognitivem Abbau und Muskelschwund assoziiert. Es handelt sich nicht um einen aktiven Angriff, sondern um ein dauerhaftes, schwaches Rauschen, das Gewebe allmählich schädigt.
Der Übersichtsartikel benennt zudem molekulare Treiber: DNA-Schäden, gestörte Energieproduktion in den Zellen (mitochondriale Dysfunktion), verkürzte Schutzenden auf den Chromosomen (Telomere) sowie die Ansammlung seneszenter Zellen, die störende Signale aussenden. Diese Prozesse wechselwirken miteinander und verstärken sich gegenseitig.
Folgen für Impfstoffe und Therapien
Impfstoffe wirken bei älteren Menschen schlechter, unter anderem weil weniger naive Immunzellen zur Verfügung stehen, um eine neue Abwehrreaktion aufzubauen. Das macht die Entwicklung wirksamerer Impfstoffe für ältere Bevölkerungsgruppen immer dringlicher. Die Autoren betonen, dass viele mögliche Ansatzpunkte für Eingriffe existieren, dass aber die Komplexität des Systems zugleich seine größte Herausforderung darstellt. Keine einzelne Komponente funktioniert für sich allein.
Für Langlebigkeitsforscher liefert dieser Übersichtsartikel eine nützliche Karte eines Systems, das gleichzeitig Ursache und Folge des Alterns ist.
Suchbegriffe zur Vertiefung: Immunoseneszenz Inflammaging | Thymusatrophie T-Zellen | mitochondriale Dysfunktion Immunzellen