Das Gehirn unterscheidet kaum zwischen Sehen und Vorstellen
Wer sich einen Apfel vorstellt, aktiviert dabei weitgehend dieselben Hirnregionen wie beim tatsächlichen Sehen. Neue Aufnahmen zeigen, wie dieser Prozess funktioniert und was er über Gedächtnis, Identität und möglicherweise Demenz verrät.
Die Vorstellung, dass Wahrnehmung und Imagination eng verwandte Prozesse sind, hat eine lange Geschichte in Philosophie und Psychologie. Wie nah diese Verwandtschaft tatsächlich ist, blieb jedoch lange unklar. Eine in Science veröffentlichte Studie zeigt nun mit bisher unerreichter Präzision, dass der ventrale temporale Kortex (eine Region auf der Unterseite des Gehirns, die an der Objekterkennung beteiligt ist) für beide Aufgaben denselben neuronalen Code verwendet. Dieselben Neuronengruppen, die beim Anblick eines Gesichts aktiv werden, feuern auch dann, wenn man versucht, sich dieses Gesicht vorzustellen.
Die Forschenden führten fMRT-Aufnahmen an Probanden durch, während diese Objekte entweder betrachteten oder sich vorstellten. Durch den Vergleich der Aktivierungsmuster konnten sie zeigen, dass sich die Repräsentationen, also die „Signatur", die ein Objekt in der Hirnaktivität hinterlässt, bei beiden Aufgaben erheblich überschnitten. Nicht identisch, aber strukturell ähnlich genug, dass statistische Modelle allein anhand der Hirnaktivität erkennen konnten, welches Objekt sich eine Person gerade vorstellte.
Was das über das Gedächtnis verrät
Die Bedeutung dieses Befunds geht weit über eine neurologische Kuriosität hinaus. Gedächtnis ist zu einem großen Teil visuell. Wer sich an ein Ereignis erinnert, „sieht" es gewissermaßen noch einmal. Wenn Imagination und Wahrnehmung dieselbe neuronale Infrastruktur nutzen, bedeutet das, dass das Gedächtnis aktiv auf das visuelle System zurückgreift, um die Vergangenheit zu rekonstruieren. Zugleich erklärt es, warum lebhafte Vorstellungskraft und ein gutes Gedächtnis oft Hand in Hand gehen: Beide könnten schlicht zwei Ausdrucksformen desselben Grundmechanismus sein.
Für Menschen mit einer schwachen Fähigkeit zur mentalen Vorstellung, ein Phänomen, das als Aphantasie bekannt ist und bei dem Betroffene schlicht keine visuellen Bilder im Geist erzeugen können, legt diese Forschung nahe, dass das gemeinsam genutzte System entweder anders funktioniert oder weniger zugänglich ist. Das hat unmittelbare Konsequenzen für die Frage, wie diese Menschen Erinnerungen abspeichern und abrufen.
Der Zusammenhang mit kognitivem Abbau
Im Kontext von Alterung und Demenz gewinnt die Studie zusätzliches Gewicht. Der ventrale temporale Kortex gehört zu den Regionen, die bei der Alzheimer-Krankheit vergleichsweise früh betroffen sind. Wenn dieser Bereich den gemeinsamen Code für Sehen und Vorstellen beherbergt, würde eine Schädigung nicht nur die Fähigkeit beeinträchtigen, Gesichter und Objekte zu erkennen, sondern auch die Fähigkeit, Erinnerungen als mentale Bilder abzurufen.
Das deckt sich mit dem, was Patientinnen und Patienten in frühen Stadien der Alzheimer-Krankheit beschreiben: Sie verlieren nicht nur Namen und Fakten, sondern auch die Lebendigkeit ihrer Erinnerungen. Die Welt der Vergangenheit verblasst im wahrsten Sinne des Wortes. Ob dieser mechanistische Befund zu besserer Diagnostik oder neuen Behandlungsansätzen führen kann, bleibt abzuwarten. Doch zum ersten Mal bietet er ein neuronales Substrat für ein Phänomen, das sich bislang kaum fassen ließ.