Hirnstimulation reduziert Aufschieben – mit Wirkung über sechs Monate
Chronisches Aufschieben ist kein Willensproblem. Es ist ein messbares Muster im Gehirn – und dieses Muster lässt sich offenbar mit einem nicht-invasiven elektrischen Impuls durch die Schädeldecke steuern, mit Effekten, die sechs Monate anhalten.
Forschende haben eine doppelblinde, randomisierte, scheinkontrollierte Studie mit Erwachsenen durchgeführt, die chronisch zu AufschiebeVerhalten neigen. In sieben Sitzungen wurde mittels hochauflösender transkranieller Gleichstromstimulation (HD-tDCS) der linke dorsolaterale präfrontale Kortex gezielt angeregt – eine Hirnregion, die an Planung, Selbstregulation und der Bewertung zukünftiger Belohnungen beteiligt ist.
Die Studie, erschienen in eLife, setzte eine intensive Experience-Sampling-Methode ein, um das Aufschieben im Alltag zu erfassen – nicht nur in einer Laboraufgabe. Das ist ein wichtiger methodischer Schritt: Die meisten Neurostimulationsstudien messen Verhalten ausschließlich unmittelbar nach den Sitzungen, unter kontrollierten Bedingungen.
Nicht weniger Abneigung, sondern mehr Wert
Bemerkenswert ist die Spezifität des zugrunde liegenden Mechanismus. Eine Mediationsanalyse zeigte, dass die Stimulation nicht dadurch wirkte, dass Aufgaben als weniger unangenehm empfunden wurden. Die Verbesserung erklärte sich vielmehr durch einen Anstieg im wahrgenommenen Wert des Abschließens einer Aufgabe: Die Teilnehmenden antizipierten die Befriedigung nach dem Erledigen stärker. Die Abneigung gegenüber der Aufgabe selbst veränderte sich nicht signifikant.
Was das für das Altern bedeutet
Bei manchen Menschen nimmt das Aufschieben mit dem Alter zu – parallel zu Veränderungen im präfrontalen Kortex, der Hirnregion, die altersbedingtem Abbau besonders stark ausgesetzt ist. Ob Neurostimulation langfristig dazu beitragen könnte, exekutive Funktionen zu erhalten, bleibt eine offene Frage. Die Forschenden betonen, dass das Sechs-Monats-Ergebnis robust ist, aber größere Studien erforderlich sind. Der Effekt wurde zudem ausschließlich bei Menschen mit chronischem Aufschiebeverhalten nachgewiesen, nicht in der Allgemeinbevölkerung.
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