Das Gen, das Alzheimer auslöst, macht Gehirnzellen Jahre vor dem Auftreten von Symptomen hyperaktiv
Lange bevor das Vergessen beginnt, ist im Gehirn bereits etwas schiefgelaufen. Mäuse, die die gefährlichste erbliche Variante des Alzheimer-Risikos tragen, haben kleinere und chronisch überreizte Nervenzellen -- und Forschende haben nun einen Weg gefunden, diesen Prozess zu bremsen.
Alzheimer beginnt nicht mit dem Vergessen. Es beginnt Jahrzehnte früher, irgendwo in den stillen Tiefen des Gehirns, wo Zellen langsam anfangen, aus der Bahn zu geraten. Das APOE4-Gen ist der stärkste bekannte genetische Risikofaktor für die häufigste Form von Alzheimer: Bereits eine Kopie erhöht das Erkrankungsrisiko erheblich, zwei Kopien können es um das Zehn- bis Fünfzehnfache steigern. Wie genau dieses Gen das Gehirn schädigt, blieb jedoch lange ungeklärt.
Neue Forschungsergebnisse an Mäusen haben nun einen konkreten Mechanismus aufgedeckt. Hippokampus-Neuronen -- die Nervenzellen im Zentrum des Gedächtnisses -- waren bei Mäusen mit APOE4 deutlich kleiner als bei Tieren ohne diese Variante. Außerdem waren sie hyperexzitabel: Sie feuerten zu schnell und zu leicht. Dieses Verhalten ähnelt dem, was bei Epilepsie beobachtet wird, und spiegelt auch Anzeichen einer beschleunigten Zellalterung wider. Entscheidend ist, dass all dies bereits geschah, bevor sich irgendwelche Symptome einer Demenz entwickelt hatten.
Ein Protein-Schalter, der alles verändert
Die Forschenden richteten ihre Aufmerksamkeit anschließend auf ein bestimmtes neuronales Protein, das an der elektrischen Erregbarkeit von Zellen beteiligt ist. Indem sie dieses Protein manipulierten -- seine Aktivität reduzierten -- konnten sie die Hyperexzitabilität teilweise umkehren. Die Nervenzellen beruhigten sich. Ob das in der Praxis auch vor Alzheimer-Symptomen schützt, ist bislang nicht belegt; die Befunde beschränken sich vorerst auf Mäuse. Doch die Entdeckung weist auf einen möglichen therapeutischen Ansatz hin, der sich grundlegend von den Amyloid- und Tau-Strategien unterscheidet, die bisher wenig gebracht haben.
Das Gesamtbild ist zugleich beunruhigend und ermutigend. Beunruhigend, weil es darauf hindeutet, dass die biologischen Folgen von APOE4 bereits lange wirken, bevor ein Arzt überhaupt eine Diagnose stellen kann. Ermutigend, weil ein frühes biologisches Signal auch einen frühen Ansatzpunkt für eine Intervention bedeutet. Wenn Hyperexzitabilität ein Vorläufer von Alzheimer ist, könnte sie theoretisch als Biomarker dienen -- als messbare Größe, die eine Risikoabschätzung ermöglicht, bevor der Schaden irreversibel wird.
Das Problem des richtigen Zeitpunkts
Genau hier steckt die Alzheimer-Forschung seit Jahren fest: Die Krankheit beginnt so früh, dass man sie in dem Moment nicht erkennt, in dem ein Eingreifen noch wirklich etwas bewirken würde. Vielversprechend wirkende Medikamente scheiterten in klinischen Studien immer wieder, möglicherweise weil die Patienten bereits zu weit fortgeschritten waren. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob man einen Mechanismus beeinflussen kann, sondern wann. Und ob es überhaupt möglich ist, bei Menschen mit APOE4-Gen früh genug einzugreifen -- bevor sich der stille Schaden zu etwas Unumkehrbarem aufgestaut hat.