longevitywatch

Das Schwangerschaftsübelkeit-Hormon, das den Drang zum Trinken dämpft -- könnte es Sucht behandeln?

Redaktion LongevityWatch · 27. März 2026 · 2 min · English

GDF15, das Hormon, das bei Schwangeren für Übelkeit sorgt, dämpft offenbar auch den Drang, Alkohol zu trinken. Forschende entdeckten diesen Zusammenhang durch eine Kombination aus genetischen Daten und Tierversuchen -- und das wirft sofort die Frage auf, ob dieses Hormon einen neuen Weg zur Behandlung von Alkoholsucht eröffnen könnte.

GDF15 (growth differentiation factor 15) ist ein Stresshormon, das von Zellen als Reaktion auf Zellschäden oder Stoffwechselstress ausgeschüttet wird. In der Frühschwangerschaft steigen die Spiegel stark an und lösen über Rezeptoren im Hirnstamm Übelkeit und verminderten Appetit aus. Aus evolutionärer Sicht gilt diese Funktion als Schutzmechanismus: Indem das Hormon Schwangere gegenüber potenziell schädlichen Lebensmitteln empfindlicher macht, schützt es sie in einer verletzlichen Phase.

Was Forschende nun herausgefunden haben, ist, dass dasselbe Hormon auch den Alkoholkonsum beeinflusst. In Mausexperimenten reduzierte die Verabreichung von GDF15 die freiwillige Alkoholaufnahme deutlich. Die genetische Analyse menschlicher Daten zeigte, dass Varianten im GDF15-Gen mit Unterschieden im Alkoholkonsum bei Menschen zusammenhängen. Das legt nahe, dass der Effekt kein bloßes Artefakt von Tiermodellen ist, sondern auch beim Menschen biologische Relevanz besitzt.

Die Verbindung über den Hirnstamm

Der Mechanismus verläuft offenbar über die Area postrema und den Nucleus tractus solitarius im Hirnstamm -- Regionen, die auch an Übelkeit, Sättigung und der Verarbeitung von Giftstoffen beteiligt sind. GDF15 bindet in diesen Bereichen an den Rezeptor GFRAL. Bemerkenswert ist, dass GFRAL fast ausschließlich im Hirnstamm exprimiert wird und nicht breit über das gesamte Gehirn verteilt ist. Dieses enge Expressionsmuster macht ihn zu einem attraktiven Angriffspunkt: Eingriffe über GFRAL könnten gezielt wirken, ohne weitreichende Nebenwirkungen in anderen Hirnregionen zu verursachen.

Alkoholmissbrauch und -sucht zählen weltweit zu den häufigsten vermeidbaren Ursachen für frühzeitigen Tod und verlorene gesunde Lebensjahre. Bestehende medikamentöse Behandlungen -- Naltrexon, Acamprosat, Disulfiram -- helfen einem Teil der Patientinnen und Patienten, aber nicht allen, und werden insgesamt zu wenig eingesetzt. Ein neuer Mechanismus, der direkt am biologischen Antrieb zum Trinken ansetzt, könnte das bestehende Behandlungsrepertoire sinnvoll ergänzen.

Die Ergebnisse sind in Science veröffentlicht. Die naheliegende nächste Frage ist, ob synthetische GDF15-Analoga oder GFRAL-Agonisten bei Menschen mit einer Alkohol-Gebrauchsstörung sicher und wirksam sind -- etwas, das in klinischen Studien bislang noch nicht erprobt wurde. Das Übelkeitsprofil von GDF15 ist dabei eine praktische Hürde: Eine Therapie, die zwar wirkt, aber Patientinnen und Patienten dauerhaft übel macht, dürfte kaum auf hohe Therapietreue stoßen.

Originalartikel lesen

Was sagt die Evidenz dazu?
Hilft Ingwer gegen Entzündungen und Übelkeit?
Verwandte Forschung
05 Aug
Dreierkombination beseitigt alternde Zellen bei niedrigeren Dosen
03 Aug
Alternde T-Zellen versagen durch einen Energiespar-Schalter
02 Aug
Der Peptid-Hype eilt der Wissenschaft davon
Newsletter

Bleib auf dem Laufenden

Zweimal pro Woche die wichtigste Longevity-Forschung in deinem Postfach.