Die biologische Uhr tickt anders als gedacht: Epigenetische Veränderungen sagen voraus, wie lange man lebt
Stellen Sie sich vor, Ihr Blut führt ein Tagebuch darüber, wie schnell Sie altern, und Ärzte können es lesen. Das klingt nach Science-Fiction, doch genau das leisten epigenetische Uhren. Neue Forschungsergebnisse zeigen nun, dass nicht nur das aktuelle "biologische Alter" darüber entscheidet, wie lange man lebt, sondern vor allem, wie schnell diese Uhr in den vergangenen Jahren gelaufen ist. Ein Durchbruch, der die Art und Weise, wie wir über das Altern nachdenken, grundlegend verändert.
Was sind epigenetische Uhren?
Die DNA selbst verändert sich im Laufe des Lebens kaum, doch die Art, wie sie "gelesen" wird, verschiebt sich ständig. Methylgruppen, winzige chemische Markierungen, heften sich an bestimmte Stellen der DNA und bestimmen, welche Gene ein- oder ausgeschaltet werden. Mit zunehmendem Alter verändern sich diese Muster auf vorhersehbare Weise. Wissenschaftler haben Algorithmen entwickelt, die diese Muster auslesen und ein "biologisches Alter" berechnen: die epigenetische Uhr. Ein 50-Jähriger kann biologisch 45 oder 58 Jahre alt sein, je nachdem, wie seine Zellen aussehen.
Bislang wurde diese Uhr stets als Momentaufnahme genutzt: das biologische Alter heute messen, mit dem Kalenderalter vergleichen, fertig. Doch Forscher stellten eine andere Frage: Was, wenn man die Uhr mehrfach im Abstand von Jahren misst? Verrät die Geschwindigkeit, mit der sie sich bewegt, mehr als der Uhrenstand selbst? Um das herauszufinden, verfolgten sie Teilnehmer der InCHIANTI-Kohortenstudie, einer großen italienischen Langzeitstudie, über bis zu 24 Jahre. Blutproben wurden zu mehreren Zeitpunkten entnommen und das epigenetische Alter der Teilnehmer jeweils berechnet.
Schnelleres Ticken bedeutet früheres Sterben
Das Ergebnis war eindrücklich: Menschen, deren epigenetische Uhr zwischen zwei Messungen schneller voranschritt, hatten ein deutlich höheres Risiko, früher zu sterben, unabhängig davon, wie "alt" die Uhr beim ersten Messzeitpunkt bereits stand, und unabhängig von anderen Risikofaktoren wie Rauchen, Körpergewicht oder bestehenden Erkrankungen. Die Veränderung über die Zeit enthält, so stellt sich heraus, neue, eigenständige Informationen, die eine einzelne Messung schlicht nicht erfassen kann. Zwei Studien in Nature Aging bestätigten diesen Befund unabhängig voneinander, was ihn umso überzeugender macht.
Das besonders Vielversprechende daran: Wenn sich die Alterungsgeschwindigkeit messen lässt, ist sie möglicherweise auch beeinflussbar. Lebensstiländerungen, darunter Bewegung, gesunde Ernährung, guter Schlaf und Stressabbau, werden bereits mit günstigeren epigenetischen Mustern in Verbindung gebracht. Sollte künftige Forschung zeigen, dass sich das "Ticktempo" der biologischen Uhr durch konkrete Gewohnheiten verlangsamen lässt, hätte man erstmals einen echten Maßstab, um diesen Fortschritt zu verfolgen. Das bedeutet: Bluttests könnten in Zukunft nicht nur verraten, wie alt man biologisch ist, sondern auch, ob man sich in die richtige oder falsche Richtung bewegt, und ob die eigenen Lebensstiländerungen tatsächlich wirken.