Ein altes Krebsmedikament kann die mit dem Altern verbundenen Zombie-Zellen abtöten
Ein seit Jahrzehnten zur Behandlung eines seltenen Blutkrebses eingesetztes Medikament beseitigt offenbar auch seneszente Zellen – die sogenannten Zombie-Zellen, die mit dem Altern und altersbedingten Erkrankungen in Verbindung stehen. Das macht es zu einem unerwarteten Kandidaten für die Longevity-Medizin.
Homoharringtonin ist ein pflanzlich gewonnenes Alkaloid, das bereits als Chemotherapeutikum bei chronischer myeloischer Leukämie eingesetzt wird. Es hemmt die Proteinsynthese, also den Prozess, durch den Zellen neue Proteine herstellen. Forschende stellten fest, dass seneszente Zellen gegenüber dieser Art der Hemmung besonders anfällig sind: Sie sind für ihr Überleben stärker auf eine kontinuierliche Proteinproduktion angewiesen als normale Zellen und damit überproportional empfindlich. Die Studie ordnet Homoharringtonin in die Kategorie der Senolytika ein – Wirkstoffe, die seneszente Zellen gezielt zerstören, ohne gesundes Gewebe schwer zu schädigen.
Warum senolytische Wirkstoffe bedeutsam sind
Seneszente Zellen hören auf, sich zu teilen, bleiben aber am Leben und schütten Substanzen aus, die umliegendes Gewebe schädigen und chronische Entzündungen befeuern. In jungen Organismen werden sie effizient abgebaut. Mit zunehmendem Alter häufen sie sich in Organen, Gelenken, Blutgefäßen und im Gehirn an. Aus Tierstudien gibt es überzeugende Belege dafür, dass die Beseitigung seneszenter Zellen die Lebensspanne verlängert, die Gesundheit verbessert und altersbedingte Erkrankungen verzögert. Erste klinische Studien am Menschen sind bereits im Gange.
Das Problem mit den bestehenden Senolytika – die bekannteste Kombination ist Dasatinib und Quercetin – besteht darin, dass sie sich aufgrund von Nebenwirkungen nicht ideal für den Langzeiteinsatz bei gesunden Menschen eignen. Die Suche nach besseren Alternativen ist daher aktiv. Homoharringtonin hat den Vorteil eines bereits umfangreichen Sicherheitsprofils aus jahrelangem onkologischen Einsatz, wobei die Dosierungen in der Krebsbehandlung deutlich höher sind als das, was für die Senolysis benötigt würde.
Chancen und Tücken der Wirkstoffrepurposierung
Die Zweitverwertung bestehender Medikamente für neue Anwendungsgebiete ist eine beliebte Strategie, weil der klinische Weg kürzer und kostengünstiger ist. Doch es gibt auch Nachteile. Bestehende Wirkstoffe wurden nicht für ihren neuen Zweck entwickelt und bringen häufig ein Nebenwirkungsprofil mit, das für eine andere Patientengruppe unakzeptabel sein kann – in diesem Fall gesunde ältere Erwachsene statt Krebspatienten. Ob Homoharringtonin in den niedrigen Dosen, die für die Senolysis benötigt werden, sicher genug für einen breiten Einsatz ist, muss in der klinischen Forschung geklärt werden. Die vorliegenden Befunde sind vielversprechend, beschränken sich jedoch bislang auf Laborstudien.