Funktioniert Mewing wirklich für eine straffere Kieferlinie?
Es gibt keine klinische Evidenz dafür, dass Mewing die Kieferlinie bei Erwachsenen verbessert. Seriöse Zungenmuskeltherapie existiert zwar, ist aber für funktionelle Probleme wie abweichendes Schlucken gedacht, nicht für kosmetische Zwecke.
Mewing bedeutet, die Zunge in Ruheposition bewusst gegen den Gaumen zu drücken, um damit eine straffere Kieferlinie zu bekommen. Die Idee ist nicht völlig aus der Luft gegriffen: Es gibt Hinweise, dass eine chronisch tiefe Zungenposition und Mundatmung durch anhaltenden Druck auf Kiefer- und Zahnfleischstrukturen zu Zahnfehlstellungen und Kieferdeformitäten beitragen können. Diese Hinweise stammen jedoch aus begrenzter und schwer messbarer Forschung. Ein direkt gemessener Effekt bewusster Zungenpositionierung auf die Kieferlinie bei Erwachsenen konnte in den verfügbaren Studien nicht nachgewiesen werden.
Der breitere Gedanke hinter Mewing, nämlich dass offene Mundhaltung und geringe Kaukraft das Gesicht nach unten wachsen lassen, geht auf einen einzigen Autor zurück, der das als 'kraniofaziale Dystrophie' bezeichnet. Es gibt keine klinische Studie, die diesen Ansatz überprüft hat. Es handelt sich um ein theoretisches Modell, kein bewiesenes Mechanismusprinzip.
Was die Forschung tatsächlich zeigt: Zungendruck und Lippenkraft nehmen mit dem Alter deutlich ab. Eine Beobachtungsstudie verglich gesunde ältere Erwachsene (Durchschnittsalter 67 Jahre) mit jungen Erwachsenen (Durchschnittsalter 22 Jahre) und stellte bei den Älteren signifikant niedrigere Zungen- und Lippenkraft fest, verbunden mit schlechterer Kau- und Schluckfunktion. Das deutet darauf hin, dass die Mundmuskulatur altert, sagt aber nichts darüber aus, ob sich dieser Rückgang durch Mewing umkehren lässt.
Es gibt durchaus eine seriöse Therapieform, die auf Zungenposition und Mundmuskulatur abzielt: die orofaziale myofunktionelle Therapie. Diese Therapie, kombiniert mit Physiotherapie für die Nackenhaltung, verbesserte bei Jugendlichen mit einem abweichenden Schluckmuster die Funktion von Zunge, Lippen und Wangen. Das ist jedoch Schluckrehabilitation bei Menschen mit einem nachgewiesenen funktionellen Problem und keine kosmetische Behandlung der Kieferlinie. Vergleich das nicht mit dem, was Mewing-Anhänger online versprechen.
Vier Quellen: zwei zur Beziehung zwischen Zungenposition und Kieferstruktur (begrenzte Evidenz), ein theoretisches Modell ohne klinische Überprüfung, eine Beobachtungsstudie zur Alterung der Mundmuskulatur und eine nicht näher indexierte Studie zur kombinierten Zungentherapie bei Jugendlichen. Keine randomisierten Studien zu Mewing als kosmetische Intervention.